BlackRock erwartet eine milde Eskalation

Geposted von Walter Feil am

Der Investment-Riese BlackRock lädt Anleger, die den Status von „professionellen Marktteilnehmern“ haben, derzeit wöchentlich zu einer Telefonkonferenz über die aktuellen Entwicklungen auf den Anlagemärkten ein. Meine Notizen während der letzten Konferenz vom 30.03.2020 stelle ich Ihnen mit dem Vorbehalt von Miss-Interpretationen und Auslassungen hier zur weiteren Diskussion zur Verfügung.

Das Fazit für die Anlagemärkte aus der bisherigen Entwicklung ist: wir werden eine längere Seitwärtsbewegung mit hohen Wertschwankungen erleben. Es wird eine Weile dauern, bis sich die Märkte wieder normalisieren.

Wir haben unterschiedliche Entwicklungen.

Asien
Wenig Ansteckungsfälle, derzeit hauptsächlich nur noch „importierte“. Das deutet darauf hin, dass in Asien die Lage unter Kontrolle ist. Positiv: Singapur, Taiwan, Südkorea. Dort ist das Leben derzeit wieder weitgehend normal. Leute halten noch Abstand, tragen Gesichtsmasken, aber gehen zur Arbeit. Handytracking war erfolgreich.

Europa
In Italien haben wir drei Wochen nach der sozialen Distanzierung ein Abflachen der Infektionszahlen. Spanien könnte als nächstes eine Abflachung erreichen. Die Kurve der Verstorbenen läuft der Kurve der Infektionen 10 bis 11 Tage hinterher.

USA
Dramatischer Anstieg der Infektionen. Donald Trump erwartet jetzt 100.000 Todesfälle. Viele andere rechnen mit deutlich mehr, es sei denn, dass sehr bald ein Wirkstoff / Impfstoff gefunden wird.

Kennzahlen zur Wirtschaft
Zahlen haben sich deutlich verschlechtert: Arbeitslosenzahlen, PMI, BIP-Schätzung nach unten, USA (als Beispiel) mit einem deutlichen Wachstumseinbruch. Erwartung einer V-förmigen Erholung ist unrealistisch. Wenn die Wirtschaft stark zurückgefahren wurde, dauert es länger, bis die Wirtschaft wieder hochgefahren werden kann. Siehe auch China. Dort kein V. (WF: Das Hochfahren läuft, jedoch nicht so schnell wie der vorhergehende Abbruch.) Schätzung für D mit Rückgang 13 % wird auch längere Zeit für wieder Hochfahren brauchen.

Die Anlagemärkte
Aktienmärkte haben sich bereits wieder erholt. „Balanced“ Portfolios wurden angepasst: Aktien kaufen, Anleihen verkaufen, um die ursprünglich gewünschte Balance zwischen Aktien und Anleihen wieder herzustellen. Die Gewinnrevisionen sind jedoch noch nicht eingepreist. Gewinne werden vermutlich sehr deutlich nach unten verändert, häufig zweistellig. Dann kommen alle Gewinnrevisionen nach unten in kurzer Zeit. Das wird das KGV nach unten setzen und die Märkte erscheinen überbewertet. Wird vermutlich zu einem erneuten Rückgang der Aktienkurse führen.

Exit aus dem LockDown
Dies ist ein Zielkonflikt. Es geht nicht alleine um „Wirtschaft gegen Gesundheit“, sondern auch um die gesundheitlichen Folgen eines LockDowns mit Verschlechterung der Lebensbedingungen für Hunderttausende, was ebenfalls zu Todesfällen führen wird.

Eine neue Studie zeigte, dass eine nur teilweise Abschottung (nur die Älteren) nicht zielführend ist.

Die Strategie muss sein, die Infektionskurve dauerhaft so niedrig zu halten, dass das Gesundheitssystem die Erkrankten behandeln kann, bis ein Impfstoff gefunden ist. Jedoch: Das Beispiel Schweden zeigt, dass eine Ausgangssperre vermieden werden kann. Schweden hat 10 Mio Einwohner und mit den freiwilligen Maßnahmen (bisher) keine höheren Infektionen und Todesfälle. Die Reduzierung der sozialen Kontakte (Schweden: hochgradig disziplinierte Bürger!) ist der wesentliche Faktor, die Ausbreitung des Virus, das Abflachen der Infektionskurve, zu erreichen. Etwa 85 % des Erfolgs ist zurückzuführen auf „Social Distancing“.

Für D ist es unrealistisch, den LockDown gleich nach Ostern wieder aufzuheben.

Problembereiche
Sehr großes Problem: Fehlende Schutzmaßnahmen in Hochrisikogruppen, z.B. Senioren/Pflegeheime, wo das Pflegepersonal jeden Tag mit einer Vielzahl von Senioren nacheinander in Kontakt kommt.

Wir wissen auch nicht, wie hoch die „Durchseuchung“ ist. Viele haben den Virus schon, haben einen sehr milden Verlauf und übertragen das Virus unbeabsichtigt und unbemerkt an andere.

Impfstoffe
Entwicklung wird lange dauern, bis Freigabe typischerweise ein Jahr. Jedoch könnten bereits zugelassene Wirkstoffe, die für andere Erkrankungen freigegeben sind, auch gegen das Coronovirus wirksam sein.

Gefahrenstellen mit Risiko zur extremen Eskalation
Indien: Gemeldet sind 1.000 Infizierte und 25 Verstorbene (Stand 30.03.). Die gigantischen Slums mit Menschen, die auf engstem Raum zusammenleben (müssen), können zu einer Katastrophe führen. Afrika und alle Flüchtlingslager desgleichen

Erwartetes Szenario: Milde Eskalation
Wir sind bereits im „Szenario 2b“, mit einer Überforderung der Gesundheitssysteme. USA mit deutlicher Überforderung. Auch in D haben wir nicht genügend Schutzmasken und Schutzkleidung, obwohl seit 2012/13 eine detaillierte Studie vorliegt, wie eine solche Pandemie verlaufen kann und was vorbereitend zu tun ist. (Wurde aber nicht getan). (WF: Beispiel Singapur zeigt, wie eine Regierung konsequente Vorbereitung auf eine solche Pandemie getroffen hat, mit ausreichend Schutzkleidung, mit Behandlungsräumen inklusive Isolationsschleusen. Dies alles hat sich jetzt bewährt. Singapur hat die Ausbreitung des Virus extrem schnell unter Kontrolle gebracht. Die Menschen dort müssen nicht mit Ausgangssperren leben. Die Wirtschaft wurde nur gering beeinträchtigt.)

Die weitere Marktentwicklung an den Börsen
„Der Boden kommt in Sichtweite“. Die Märkte werden noch eine längere Zeit sehr angreifbar und damit sehr volatil bleiben. Grundtendenz seitwärts, jedoch mit hoher Schwankungsbreite.

Das Leben nach der Krise
Erste Stimmen (z.B. von Mario Draghi) wurden bereits laut, die – nach dem extrem schnellen und starken Schuldenaufbau derzeit – später einen Erlass der Schulden erwarten.

Walter Feil