Künstliche Intelligenz wird an der Börse häufig über bekannte Namen erzählt: NVIDIA, große Cloud-Anbieter, Softwareplattformen. Das ist verständlich, greift aber zu kurz. Denn hinter jeder KI-Anwendung steht eine physische Infrastruktur. Sie besteht aus Rechenzentren, Stromversorgung, Netzwerken, Hochleistungsprozessoren – und sehr viel Speicher.

Genau dieser Speicher rückt derzeit in den Mittelpunkt. Die Rolle dieser Speicher hat sich dramatisch verändert. In der klassischen IT galten viele Speicherprodukte lange als zyklische Massenware. Preise stiegen und fielen mit Angebot, Nachfrage und Lagerbeständen. Im KI-Zeitalter wird ein Teil dieses Marktes jedoch zu einem strategischen Engpass.

Jensen Huang, der Vorstandschef von NVIDIA, hat in einem aktuellen Interview sinngemäß beschrieben, worum es geht: Die unmittelbare Nachfrage nach Rechenleistung ist größer als das verfügbare Angebot. Außerdem wies er darauf hin, dass frühere Spezialbereiche wie CoWoS-Packaging und HBM-Speicher heute zu zentralen Technologien des KI-Computings geworden sind. (Dwarkesh)

Der wirtschaftlicher Zusammenhang ist offensichtlich: Wer Rechenleistung anbieten kann, kann KI-Dienste betreiben, Modelle trainieren, Inferenz bereitstellen und daraus Umsätze erzielen. Wer diese Kapazität nicht hat, kann Nachfrage nicht bedienen. Compute wird damit zu einer produktiven Ressource – ähnlich wie Maschinenkapazität in einer Fabrik.

Warum Speicher der Engpass wird

KI-Rechenzentren bestehen nicht nur aus Prozessoren. Die eigentliche Leistung entsteht durch das Zusammenspiel vieler Komponenten. Ein KI-Beschleuniger kann nur dann effizient arbeiten, wenn Daten schnell genug bereitstehen. Genau hier kommt Speicher ins Spiel.

HBM, also High Bandwidth Memory, ist besonders wichtig. Dieser Speicher sitzt sehr nah am KI-Chip und liefert extrem hohe Datenbandbreite. Ohne diese Bandbreite können teure Beschleuniger ihre Leistung nicht vollständig ausspielen. Dazu kommen DRAM-Module für Server und leistungsfähige SSDs, die große Datenmengen speichern, bewegen und für KI-Anwendungen verfügbar machen.

Der Markt sieht diesen Engpass inzwischen deutlich. TrendForce erwartete für das zweite Quartal 2026 bei konventionellem DRAM Vertrags-Preisanstiege von 58 bis 63 Prozent gegenüber dem Vorquartal und bei NAND Flash von 70 bis 75 Prozent. Als Gründe werden KI-Servernachfrage, Kapazitätsverlagerung in Richtung HBM und Serveranwendungen sowie langfristige Liefervereinbarungen der Cloud-Anbieter genannt. (TrendForce)

Aus Nachfrage wird Preissetzungsmacht

Wenn ein Unternehmen ein gewöhnliches Bauteil teurer einkauft, kann es abwarten, verhandeln oder die Bestellung verschieben. Bei KI-Rechenzentren ist das schwieriger. Die großen Cloud-Anbieter und Plattformunternehmen investieren hohe zweistellige oder sogar dreistellige Milliardenbeträge, um KI-Kapazitäten aufzubauen. In einer solchen Situation darf ein Rechenzentrum nicht am fehlenden Speicher scheitern.

Das verändert die Verhandlungsmacht. Speicherhersteller können höhere Preise durchsetzen, wenn Kunden ihre Lieferfähigkeit sichern wollen. Meta nannte in seiner Prognose für 2026 ausdrücklich höhere Komponentenpreise als einen Grund für die Erhöhung der erwarteten Investitionsausgaben auf 125 bis 145 Milliarden US-Dollar. (Meta)

Die Folgen zeigen sich in den Ergebnissen der Speicherhersteller. Micron erzielte im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 einen Umsatz von 23,86 Milliarden US-Dollar, eine GAAP-Bruttomarge von 74,4 Prozent und einen Nettogewinn von 13,79 Milliarden US-Dollar. Für das Folgequartal stellte das Unternehmen eine Bruttomarge von etwa 81 Prozent in Aussicht. (Micron Technology)

SK Hynix meldete für das erste Quartal 2026 ebenfalls Rekordzahlen, darunter eine operative Marge von 72 Prozent. Das Unternehmen verwies auf starke Nachfrage nach HBM, Server-DRAM und Enterprise-SSDs und erklärte, dass die Kundennachfrage die eigene Lieferkapazität übersteige. (PR Newswire)

Auch Samsung beschreibt denselben Trend. Im ersten Quartal 2026 erzielte die Halbleitersparte einen operativen Gewinn von 53,7 Billionen Won. Samsung führte das Rekordquartal im Speichergeschäft auf hohe AI-Nachfrage, begrenzte Verfügbarkeit und branchenweite Preissteigerungen zurück. (Samsung Global Newsroom)

Die 8-Prozent-zu-30-Prozent-These

In der Branche kursiert die Einschätzung, dass Speicher früher etwa 8 Prozent der Hyperscaler-Ausgaben ausmachte und 2026 etwa 30 Prozent erreichen könnte. Diese Zahl geht auf SemiAnalysis zurück. Der detaillierte Report ist nicht frei einsehbar; deshalb sollte man diese Angabe nicht als exakte, allgemein geprüfte Kennzahl verwenden, sondern als plausible Branchenschätzung. (LinkedIn)

Wichtiger als die exakte Prozentzahl ist die Richtung. Speicher nimmt in der KI-Infrastruktur einen deutlich größeren Anteil ein. Epoch AI schätzt, dass HBM zwischen Anfang 2024 und Ende 2025 von 52 Prozent auf 63 Prozent der AI-Chip-Komponentenausgaben gestiegen ist. Das ist nicht identisch mit dem gesamten Rechenzentrumsbudget, bestätigt aber den strukturellen Wandel: Speicher ist nicht mehr Nebenposition, sondern ein zentraler Kosten- und Leistungsfaktor. (Epoch AI)

Was Anleger daraus ableiten können

Für Anleger entsteht daraus eine nachvollziehbare, aber nicht risikolose Investment-Story. Die Nachfrage nach KI-Rechenleistung treibt den Ausbau von Rechenzentren. Dieser Ausbau erhöht den Bedarf an HBM, DRAM und NAND. Wenn das Angebot nicht schnell genug wächst, steigen Preise und Margen. Dadurch können Gewinne bei den gut positionierten Speicherherstellern stark steigen. Der Aktienmarkt hat diese Entwicklung bereits erkannt.

Trotzdem bleibt Vorsicht angebracht. Speicher ist historisch ein zyklischer Markt. Hohe Preise führen zu hohen Investitionen. Neue Kapazitäten kommen zeitverzögert, können aber später wieder Druck auf Preise und Margen ausüben. Außerdem ist die Bewertung an der Börse immer eine Frage der Erwartung. Eine gute Story ist nicht automatisch eine gute Anlage, wenn sie bereits vollständig eingepreist ist.

Für langfristig orientierte Anleger ist deshalb weniger die kurzfristige Kursbewegung entscheidend, sondern die Strukturfrage: Welche Unternehmen kontrollieren knappe und schwer ersetzbare Teile der KI-Infrastruktur? Wer verfügt über Technologie, Kundenbeziehungen, Produktionskapazität und Bilanzstärke? Und wie lässt sich dieses Thema sinnvoll in ein breit aufgestelltes Vermögen integrieren?

Die wichtigste Erkenntnis lautet: Die KI-Story ist breiter geworden. Sie besteht nicht nur aus Grafikprozessoren und Software. Sie umfasst Speicher, Packaging, Netzwerke, Energieversorgung und Rechenzentren.

Fazit

Der Zusammenhang ist plausibel: Mehr KI braucht mehr Compute. Mehr Compute braucht mehr Speicher. Knappheit bei Speicher führt zu höheren Preisen. Höhere Preise können bei den führenden Herstellern zu außergewöhnlichen Margen und Gewinnen führen.

Das ist eine starke Investment-Story. Aber sie bleibt eine zyklische, kapitalintensive und bereits stark beachtete Story. Für Anleger spricht deshalb viel dafür, das Thema langfristig, breit und diszipliniert zu betrachten – nicht als kurzfristige Spekulation, sondern als Teil des strukturellen Ausbaus digitaler Infrastruktur.

Beispiel eines ETF, der Titel der Branche „Semiconductor“ abbildet

Quelle: Baha

Dieser ETF ist Bestandteil der Allokation in der verwalteten Strategie „Vermögen fürs Leben“. Gleichzeitig sind geldmarktnahe ETFs bereitgestellt für den Fall, dass die positive Wertentwicklung kippen sollte, um die Position schnell aus der Allokation herauszunehmen und einen Rückgang im Portfolio zu begrenzen.

 

Walter Feil