Inverse Zinskurve ist nicht zwingend der Vorbote einer Rezession

Geposted von Walter Feil am

In den letzten Wochen wurde mit zunehmender Häufigkeit darauf hingewiesen, dass es einen zusätzlichen Indikator für eine kommende Rezession gibt: die mittlerweile inverse Zinskurve in den USA. Von einer inversen Zinskurve spricht man, wenn die Zinshöhe für langfristige Anleihen niedriger ist als für kurzfristige Anleihen.

Tatsächlich bieten per Ende März 2019 die 10-jährigen Staatsanleihen der USA einen Zinsertrag von nur 2,39 %, während die Drei-Monats-Anleihen 2,44 % (somit 0,05 % mehr) bieten. Die Beiträge in den Veröffentlichungen verweisen auf solche Inversionen in der Vergangenheit, auf die in der Regel eine Rezession folgte.

Eine tiefere Untersuchung zeigt jedoch:

  1. In der Vergangenheit folgte die Rezession nicht sofort, sondern mit Verzögerungen von sechs bis achtzehn Monaten.
  2. Die Zinshöhe wird – im Gegensatz zu früher – heute erheblich von politisch motivierter Einflussnahme der Notenbanken gesteuert. Damit ist die freie Bildung einer marktgerechten Zinshöhe im Wechselspiel zwischen Angebot (wieviel Anleihen werden emittiert?) und Nachfrage (wieviel Anleihen fragen die Anleger nach?) gestört.
  3. Internationale Anleger, die mit Rücksicht auf ihre Anlagerichtlinien (Pensionskassen, Stiftungen, Versicherungen, …) gezwungen sind, in großem Umfang sogenannt sichere Staatsanleihen zu kaufen, finden in Japan, in der Schweiz und in der Eurozone derzeit absolut kein Angebot mehr. Zehn-Jahres-Staatsanleihen in allen drei Ländern bzw. der Eurozone sind derzeit mit einem Negativzins versehen. Das heißt: Die Investoren müssten etwas dafür bezahlen, ihr Geld in diesen Anleihen anlegen zu dürfen. Sie erhalten keinen Ertrag dafür. Dieser bisher unbekannte Anlagenotstand führt zu erhöhter Nachfrage nach Anleihen der USA, die wenigstens noch ein bisschen Zinsertrag (siehe oben. 2,39 %) bieten. Dies verstärkt das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage und treibt die Rendite noch weiter nach unten.

Fed könnte die Leitzinsen noch in 2019 senken

Vor diesem Hintergrund steigt die Erwartung, dass die amerikanische Notenbank den kurzfristigen Zins noch in diesem Jahr nach unten schleusen wird. Per Anfang April 2019 rechnen bereits 35 % der Marktteilnehmer damit, dass die Fed den Leitzins in den USA schon im Juni-Meeting senken wird.

Fazit:
Aus der gegenwärtigen Zinsentwicklung resultiert noch keine Gefahr einer kurzfristig eintretenden Rezession. Vermutlich werden jedoch zahlreiche Anleger vorsichtiger und halten sich mit Aktienkäufen abwartend etwas zurück. Damit wird sich die rasante Erhöhung der Aktienkurse, die wir seit Jahresbeginn bis März hatten, nicht mit gleichem Tempo fortsetzen.

Walter Feil

ist seit 1978 Berater für steuerbegünstigte Vermögensanlagen tätig. Er ist Experte für Investmentresearch und Privat-Insuring-Konzepte sowie Lehrbeauftragter der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim.
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