Im vorangegangenen Beitrag stellten wir fest, dass die kurzfristigen Preisschwankungen des Spotpreises für Öl hauptsächlich auf spekulative Trades von Finanzinvestoren, Rohstoffhändlern und Hedgefonds zurückzuführen sind. Was aber könnten die langfristigen Folgen sein, wenn die Blockade der Straße von Hormuz länger anhält?
Der amerikanischen Ökonomen und Rohstoffstratege Jeff Curie äußerte dazu eine Prognose, die durchaus Anlass zur Besorgnis gibt. Jeff Currie ist heute Chief Strategy Officer bei der Investmentgesellschaft The Carlyle Group und war zuvor Global Head of Commodities Research bei Goldman Sachs. Er gilt als einer der einflussreichsten Analysten für Energie- und Rohstoffmärkte der letzten 20 Jahre. Er gehört zu der kleinen Gruppe von Analysten, die Energie- und Rohstoffmärkte global interpretieren können.
Currie weist darauf hin, dass der Energiemarkt ein System auf Messers Schneide ist. Es ist kein stabiler Markt mit großen Reserven. Dies zeigt sich wieder einmal am aktuellen Beispiel der Blockade der Straße von Hormuz.
Diese schmale Meerenge zwischen Iran und Oman ist einer der wichtigsten Energie-Transportwege der Welt. Rund 20 % des globalen Ölhandels passieren hier jeden Tag. Öltanker, die in den Häfen der Golfstaaten beladen wurden, können ihre Reise in die Welt ausschließlich durch die enge Straße von Hormus beginnen. Es gibt keine andere Fahrtroute heraus aus dieser ölreichen Region.
Das bedeutet: Wenn dort Störungen eintreten, reagiert der gesamte Energiemarkt sofort. Nicht, weil plötzlich kein Öl mehr existiert. Sondern weil das Öl nicht mehr dort ankommt, wo es gebraucht wird.
Das eigentliche Problem ist die Logistik
Der Energieökonom Jeff Currie von der Carlyle Group bringt in dem Interview sehr klar zum Ausdruck: Der Engpass ist nicht das Öl im Boden. Der Engpass ist die Lieferkette. Wenn Tanker wegen militärischer Risiken nicht fahren können, wenn Versicherungen gekündigt werden oder wenn Schiffe plötzlich auf anderen Routen unterwegs sind, entsteht ein logistisches Chaos. Dann fehlen plötzlich Millionen Barrel Öl – obwohl sie eigentlich existieren.
Politische Maßnahmen helfen nicht
Viele Politiker glauben, man könne den Ölpreis durch politische Maßnahmen stabilisieren. Zum Beispiel durch die Freigabe strategischer Ölreserven, durch diplomatische Intervention oder durch einen Preisdeckel. Doch auch hier liegt das Problem wieder in der Logistik. Selbst große Reserven können nur begrenzt helfen, weil sie nicht das Transportproblem lösen. Wenn Tanker nicht fahren oder Häfen blockiert sind, nützt das Öl im Lager wenig.
Energie bekommt einen Sicherheitsaufschlag
Die wichtigste Konsequenz aus dieser Entwicklung ist gemäß der Einschätzung von Jeff Currie eine andere: Energie bekommt künftig einen dauerhaften geopolitischen Risikoaufschlag, weil die Welt sich in einer Phase zunehmender geopolitischer Spannungen befindet. Konflikte im Nahen Osten, Rivalitäten zwischen Großmächten und strategische Rohstoffpolitik führen dazu, dass Energieversorgung immer stärker zur Sicherheitsfrage wird. Das hat Folgen und führt langfristig zu höheren Energiepreisen, stärkeren Preisschwankungen und neuen geopolitischen Risiken für Investoren.
Die unbequeme Wahrheit für uns Investoren
Für uns als Investoren in den Investmentmärkten führt dies zu einer wichtigen Erkenntnis: Der Energiemarkt wird nicht nur von Angebot und Nachfrage bestimmt. Er wird zunehmend von Geopolitik und Logistik bestimmt.
Wer verstehen will, wohin sich Inflation, Zinsen und Aktienmärkte entwickeln, muss deshalb auch die Energie-Lieferketten verstehen. Denn manchmal genügt tatsächlich ein einziges Nadelöhr – eine Meerenge, eine zerstörte Pipeline oder ein blockierter Hafen – um die gesamte Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nicht, weil plötzlich kein Öl mehr existiert. Sondern weil das Öl nicht mehr dort ankommt, wo es gebraucht wird.
Wir sollten uns darauf einstellen, dass wir beim Ölpreis langfristig einen „geopolitischen Risikozuschlag“ einkalkulieren müssen und dass es stärkere Preisschwankungen geben wird.
Das ganze Gespräch mit Jeff Currie (englisch) steht auf dem Podcast „Bloomberg Talks“ zur Verfügung. Falls dieser Link nicht öffnen sollte, nutzen Sie die URL wie folgt: Carlyle Group’s Jeff Currie Talks Global Supply Chain, Oil | Bloomberg Talks
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