Dax plus eintausend Punkte. Ist der Ausverkauf vorbei?

Geposted von Walter Feil am

Am Dienstag, den 17.3., stand der DAX im Nachthandel 24 Uhr auf 8.650.  Am gleichen Tag schrieb ich auf dieser Webseite: „Wer zu den derzeit gedrückten Kursen verkaufen will, sollte stets gleich die zweite Entscheidung treffen: Zu welchem Kurs kehre ich in den Markt zurück? Wenn dieser zweite Schritt nicht konsequent umgesetzt wird, wenn dieser zweite Schritt nicht passt, dann hecheln wir mit hoher Wahrscheinlichkeit für lange Zeit den wieder steigenden Kursen hinterher, immer auf der Suche nach einem „günstigen“ Wiedereinstieg in den Markt.“

Nach dem 17.3. fiel der DAX noch etwas tiefer, bis auf 7.965 am 19.3. 05:00 Uhr. Am Dienstag, den 24.3., steht der Dax kurz vor 19:00 Uhr auf 9.630. Das sind 1.665 Punkte mehr und ein Anstieg von über 20 % gegenüber dem Tief vor einer Woche. Und es sind fast genau 1.000 Punkte mehr als um Mitternacht des 17.3.

Ist der Ausverkauf vorbei?

Was diese Woche geschehen ist

Die letzten Tage wurden fast überall auf der Welt noch nie gekannte Maßnahmen in Gang gesetzt.

Kontaktverbot

In Deutschland haben wir seit einigen Tagen ein weitreichendes Kontaktverbot. Jeder einzelne soll sich so weit wie möglich von allen anderen Menschen entfernt halten. Die Übertragung des Virus von einem Menschen zu einem anderen soll unterbunden werden. Bis nächste Woche werden wir wissen, was uns diese Disziplin bringt.

In China (gelbe Linie in der folgenden Grafik) ist die Zahl der neuen Ansteckungen pro Tag mittlerweile auf Null, soweit es die inländische Bevölkerung angeht. Einige wenige Ansteckungen werden von Eingereisten gemeldet. China hat die Beschränkungen (Ausgehverbot!) weitgehend aufgehoben und fährt seine Wirtschaft wieder hoch. Gleiches gilt für Südkorea (hellbraune Linie)

Quelle: Wellenreiter

In Italien (grüne Linie) nimmt die Zahl der täglichen Neuansteckungen jetzt etwas weniger zu. In Spanien und Frankreich liegt die Zahl der täglich diagnostizierten Neuansteckungen etwa auf der Linie, die einer Verdoppelung alle 3 Tage entspricht. In den USA (hellblaue Linie), wo die Tests jetzt erst richtig hochgefahren werden, liegt die Zahl der täglich festgestellten Neuansteckungen deutlich über einer Verdoppelung alle drei Tage.

Die Erfahrungen in China und in Südkorea haben sicherlich dazu beigetragen, dass in Europa so weitreichende Einschränkungen der Bewegungsfreiheit eingeführt wurden.

Stilllegung des Wirtschaftslebens

Das Wirtschaftsleben in Europa ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Dies führt zu massiven Umsatz- und Einkommensausfällen.

Unbegrenzte Liquidität von den Notenbanken

Die Notenbanken der Eurozone (EZB) und der USA (Fed) stellen Liquidität in noch nie gekanntem Ausmaß zur Verfügung. Die EZB erklärte, alles zu tun, was notwendig sei. Dies erinnert an das „Whatever it takes“ von Mario Draghi. Die Fed ist jetzt bereit, auch Anleihen von Unternehmen sowie verbriefte Pakete von Studenten-, Auto- und Konsumentenkrediten zu kaufen. Die NZZ meint dazu: „Die US-Notenbank lässt im Kampf gegen die Corona-Krise alle Dämme brechen“.

Massive Unterstützung der Wirtschaft durch die Staatsregierungen

Parallel zu der Liquiditätsflut der Notenbanken öffneten die Staatsregierungen die Schleusen und fluteten die Unternehmen, angefangen vom „Ein-Mann/Frau-Solo-Kleingewerbetreibenden“ bis zum international tätigen Konzern mit zahlreichen Zuschüssen, „unbürokratisch“ ausgereichten Darlehen und Bürgschaften. Wir hören jede Stunde davon auf allen Nachrichtenkanälen.

Die Aktienkurse legen zu – rings um den Globus

Nach dem Tief Mitte der vergangenen Woche legten die Aktienkurse am Dienstag, den 24.03., rings um den Globus kräftig zu. Deutschland, USA, Japan, Australien plus 8 %, andere Börsen plus 3 bis plus 7 %. Die Grafik zeigt das Bild per 24.03.2020 kurz vor 20 Uhr:

Quelle: CMC Markets

Knapp 10 % an einem Tag ist ein deutliches Signal. Die Käufer könnten langfristig erfahrene Investoren sein, aber auch Spekulanten, die auf dem falschen (Spekulations-) Fuß erwischt worden sind und jetzt ihre Short-Positionen eindecken müssen. Das führt zu einem Kauf-Zwang, genauso wie vorher bei den per Kredit gefüllten Depots, die bei fallenden Kursen zwangsliquidiert wurden. Die Positionen an der Börse können nun mal sehr kurzfristig (jede Sekunde!) gehandelt werden. Das führt manchmal zu kurzfristig heftigen Bewegungen.

Geht das jetzt so weiter? Ist der Ausverkauf vorbei?
Ich weiß es nicht. Die weitere Entwicklung wird wesentlich davon abhängen, wie weit sich die Infektionswelle noch ausbreiten wird, wie schnell die Anzahl der täglichen Neuansteckungen abflachen und schließlich wieder abnehmen wird, wie lange es dauert, bis die Unternehmen – angefangen von der Ein-Mann-Imbissbude bis zum Weltkonzern – ihre Arbeit wieder aufnehmen können. Und natürlich auch, ob und wann eine seriöse Nachricht über einen wirksamen Impfstoff kommt.

Kommt noch einmal in starker Rückgang?
Oder bleibt – als Beispiel – der Dax über 9.000?

Die großen Analysehäuser rechnen mit einer weiterhin volatilen Börsenentwicklung und schließen auch einen erneuten Rückgang auf noch tiefere Kurse nicht aus. Niemand gibt derzeit eine glaubwürdige Prognose ab, wie die Aktienkurse in den nächsten Wochen sein werden. In einem Punkt sind sich jedoch die allermeisten einig: Auf Sicht von einigen Jahren werden wir deutlich höhere Kurse sehen als derzeit.

So zeigt sich einmal mehr: Ein Portfolio von Aktien, z.B. über Fonds oder ETFs, auch im Rechtsrahmen einer steuerbegünstigten Versicherung, müssen wir stets als ein langfristiges Investment betrachten. Auf Sicht von 10 oder mehr Jahren erhalten wir damit eine Rendite gemäß dem Trendwachstum der Wirtschaft. Auf diesem langem Weg erleben wir Höhen (siehe Februar 2020) und Tiefen (siehe März 2020).

Es stimmt allerdings nachdenklich:
Wenn wir bei Kursen wie Anfang Februar 2020 darüber nachgedacht haben, das Investment noch etwas zu erhöhen – warum tun wir das nicht jetzt, mit einem Discount von 30 %?

Walter Feil