Das Wirtschaftswachstum der Industrieländer läuft noch mehr auseinander

Geposted von Walter Feil am

Der renommierte Wirtschaftsdienst CAPITAL Economics mit Niederlassungen in Toronto, London und Singapore veröffentlichte heute eine erste Übersicht der Schlüsselthemen, die 2015 die weltweite wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen werden.

Große Unterschiede zwischen den Industrieländern

2015 wird ein weiteres Jahr mit großen Unterschieden in der wirtschaftlichen Entwicklung der Industrieländer. Die USA und Großbritannien führen die Gruppe an. Die Eurozone und Japan müssen weiterhin kämpfen. Jedoch könnten einige entschlossene Maßnahmen die Reihenfolge verändern. Eine weitere Lockerung der Geldpolitik der EZB und der BoJ würden weitere Unterstützung für die lokalen Aktienmärkte liefern und die Kapitalmarktzinsen niedrig halten.

Eine kleinere Schwellenländer bleiben anfällig gegenüber einer Straffung der Geldpolitik der Fed. Der Ausblick für die BRICs (Brasilien, Russland, Indien, China) hängt im wesentlichen von der Umsetzung von regionalen Reformen ab.

Die Weltwirtschaft wird insgesamt von einer ausgedehnten Zeitspanne mit niedrigen Ölpreisen profitieren. Ein niedriger Ölpreis wird allerdings zu noch größeren Unterschieden zwischen der Geldpolitik in den USA und Europa führen und ernsthafte Probleme für einige ölexportierende Staaten, besonders Russland, mit sich bringen.

Die entscheidenden Punkte für 2015 sind:

USA: Die Fed wird die Leitzinsen früher als allgemein erwartet erhöhen

Dies wird eine zusätzliche Unterstützung für einen starken USD liefern, sondern auch die Zinsen der US – Staatsanleihen nach oben treiben. Die Unternehmensgewinne werden dadurch belastet. Mehr noch als durch höhere Zinsen werden steigende Arbeitskosten den Anstieg der Unternehmensgewinne bremsen. Die Aktienkurse werden damit wenig Unterstützung durch die Unternehmensgewinne erfahren.

Europa: Die EZB wird in umfassendes QE-Programm starten

Die EZB wird vermutlich schon früh im Jahr 2015 ein umfassendes Kaufprogramm für Staatsanleihen ankündigen. Dies wird die Aktienkurse nach oben treiben, jedoch aufgrund der bereits jetzt sehr niedrigen Zinsen und einer anhaltenden Risikoaversion im Bankenbereich nur wenig Wirkung in der wirtschaftlichen Entwicklung entfalten. Die neue Norm für die Eurozone könnte ähnlich wie in Japan ein Wachstum von etwa einem Prozentpunkt sein, verbunden mit einem erheblichem Risiko, in eine Deflation einzutauchen. Dies würde zu einer weiteren Abwertung des Euro und einer langen Zeitspanne von wie in Stein gemeißelten niedrigen Zinsen für deutsche Staatsanleihen führen.

GB: Großbritannien wird auch 2015 weiter wachsen

Dan dem stärksten Wachstum der realen Einkommen seit zwölf Jahren und einer starken Zunahme der Investitionen wird Großbritannien auch 2015 überdurchschnittlich wachsen. Die geringen Kosten für Energie und eine Erhöhung der Produktivität werden die Inflation gering halten. Dies ermöglicht es der BoE, Zinserhöhungen gering zu halten.

Die Marktstimmung und insbesondere der Wechselkurs des britischen Pfund werden beeinträchtigt von der erhöhten politischen Unsicherheit um die Wahlen im Mai 2015 und dem Fortgang des Referendums bezüglich einer EU-Mitgliedschaft.

Japan: Der Yen könnte auf weiter abwerten

Der japanische Yen könnte gegen den USD auf bis zu 140 Yen/USD abwerten, vor allem, weil die BoJ und die Fed eine grundsätzlich gegensätzliche Geldpolitik fahren. Es gibt auch kaum eine Lösung für die fiskalischen und wirtschaftlichen Probleme Japans ohne einen deutlich niedrigeren Wechselkurs des Yen. Die Entschlossenheit der BoJ, den Yen zu schwächen, könnte zu deutlichen Kursgewinnen im japanischen Aktienmarkt führen.

China: Verlangsamung des Wirtschaftswachstums ohne harte Landung

Das Tempo des Wirtschaftswachstums in China wird weiter nachlassen. Der Immobilienbereich hat die Bodenbildung noch nicht erreicht. Die politische Führung in China verfügt über zahlreiche Möglichkeiten, einen starken Rückgang zu vermeiden. Die Reformen in China schreiten gut voran.

Indien: Reformen enttäuschen

Das Tempo der Reformen in Indien bleibt hinter den Erwartungen zurück. Das Zahlungsbilanzdefizit, das Indiens Wachstum stark beeinträchtigt, wird jedoch sowohl mittel- als auch langfristig geringer ausfallen als bisher erwartet. Mit den notwendigen Reformen wären die langfristigen Aussichten für Indien deutlich besser. Kurzfristig wird die Geldpolitik lockerer bleiben als von den meisten erwartet.

Russland: Wirtschaftswachstum geht zurück

Das Wirtschaftswachstum in Russland wird sich 2015 bis zu fünf Prozent verringern. Die Wirtschaft wird auch in Problemen bleiben, wenn sich die Ölpreise stabilisieren und wenn der Ukraine-Konflikt entspannt, was zu einer Lockerung der Sanktionen führen würde. Strukturelle Hemmnisse führen dazu, dass ohne eine neue Welle von Reformen das Wachstum über einen längeren Zeitraum unter zwei Prozent bleiben wird.

Ölpreis: weiterhin niedrig

Der Preis für ein Fass Öl der Sorte Brent hat bei USD 60 eine Unterstützung erfahren. Ein weiterhin hohes Angebot wird eine starke Preiserhöhung verhindern.

Das weltweit gute Wirtschaftswachstum wird allerdings die Preise für Industriemetalle wieder nach oben treiben, was zahlreichen Rohstofflieferanten zu Gute kommen wird.

Fazit:
Die Wahl der erfolgversprechendsten Märkte wird 2015 nicht einfacher. Ein tiefer Blick auf die wesentlichen Faktoren, die die Entwicklung der Volkswirtschaften beeinflussen, trägt jedoch dazu bei, die Chancen konzentriert zu nutzen. Eine angemessene Aufteilung der Investments hilft, die Risiken überschaubar zu halten.

Walter Feil
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