Aktien über 30 Prozent im Minus – was tun?

Geposted von Walter Feil am

Corona: ein Überblick per 17.03.2020

Die Ausbreitung des Corona-Virus hat innerhalb weniger Wochen zu dramatischen Folgen geführt. Wir unterscheiden dabei:

  1. Die Auswirkungen auf unsere Gesundheit
    Für Menschen mit Vorerkrankungen, mit einem geschwächten Immunsystem und vor allem für alte Menschen kann dieser Virus zum Tod führen.
  2. Die Maßnahmen zur Eindämmung einer raschen Verbreitung
    Rings um den Globus wurden mittlerweile dramatische Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit eingeführt. Da das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird, wollen wir die Kontakte zwischen Menschen auf das aller geringste Mindestmaß zurückfahren. Jeder soll in seinen eigenen vier Wänden verbleiben. Kein Kontakt – keine Übertragung. Keine Übertragung – keine weitere Verbreitung. Dies ist das Ziel und liest sich einfach, führt in der Praxis jedoch zu einem Stillstand fast aller wirtschaftlichen Aktivitäten.
  3. Die wirtschaftlichen Folgen der Quarantäne-Maßnahmen
    In jedem Land entfallen die Umsätze und damit die Verdienstmöglichkeiten von Millionen von Klein- und Kleinstgewerbetreibenden, genauso wie die Umsätze von KMUs (kleinere und mittlere Unternehmen). Natürlich sind auch die Umsätze und damit die Gewinne von großen Unternehmen und Konzernen betroffen. Die Staatsregierungen und die Notenbanken haben die letzten Tage gigantische Hilfsprogramme auf den Weg gebracht, um Entlassungen und Insolvenzen zu vermeiden. Es soll das maximal Mögliche getan werden, um den Arbeitnehmern und den Unternehmen über die Krisenzeit hinweg zu helfen, damit nach einem Abflauen der Infektionsgefahr ein sofortiges Hochfahren aller wirtschaftlichen Aktivitäten möglich ist. Bis dorthin werden jedoch die Gewinne der Unternehmen sinken. Außerdem wird es auch lange dauern, bis die zusätzliche Kreditaufnahme wieder abgebaut werden kann.
  4. Der Umgang der Medien mit den Ereignissen
    Die aktuellen Entwicklungen beherrschen sämtliche Medienkanäle. Wir sollten auch an dieser Baustelle gesunden Menschenverstand walten lassen und uns bewusst machen, dass Medien, die sich über Werbung finanzieren, ihre Erlöse deutlich steigern können, wenn die am Kiosk verkaufte Auflage oder die Klicks auf dem Online-Kanal steigen. Was würden Sie tun, wenn Ihre Karriere positiv durch eine Steigerung der Auflage oder Klicks befördert wird und Sie dies durch blickfangheischende Überschriften und dramatische Formulierungen beeinflussen könnten?
  5. Die Entwicklungen an den Börsen
    Die Anleger an den Börsen lieben die Aussicht auf steigende Gewinne. Derzeit laufen die Uhren jedoch rückwärts: die fehlenden Umsätze führen zu fallenden Gewinnen. Investoren begannen zu verkaufen, weil sie den Wert der Unternehmen künftig geringer einschätzen. Jeder Tag mit neuen Schreckensmeldungen führte zu weiteren Verkäufen. Zurückgehende Börsenkurse und steigende Fallzahlen der Infektionen von Menschen bestätigten sich gegenseitig. Neue Verkäufe wurden angeschoben. StopLoss-Marken wurden berührt und damit vollautomatisch Verkaufsaufträge generiert. Eine Verkaufswelle löste die nächste aus. Dazu kamen die Querelen der OPEC+ -Staaten, die sich – entgegen der Erwartung – nicht auf eine Reduzierung der Ölförderung einigen konnten. Im Gegenteil: Saudi Arabien startete einen Verdrängungswettbewerb mit steigenden Fördermengen. Der Ölpreis sank schnell und deutlich. Die Ölförderländer müssen nun die Löcher im Staatshaushalt stopfen und verkaufen für viele Milliarden Aktien aus ihren Staatsfonds. Dies führt zu zusätzlichen Kursrückgängen. Schätzungsweise 600 Milliarden USD Lombardkredite alleine an der NYSE (NewYord Stock Exchange, Börse in NewYork) stehen im Feuer: sinkt der Wert der damit finanzierten Wertpapiere, folgen Zwangsliquidierungen der Depots. Und das geht blitzschnell.

Meine Meinung ist: Die Kurse der Aktien entsprechen derzeit nicht dem Wert der Unternehmen. Die Entwicklung der Aktienkurse wird von anderen Einflüssen geprägt:

  • Von Anlegern, die in Panik verfallen sind
  • Von Investoren, die dringend Liquidität brauchen
  • Von Staatsfonds, die die Staatshaushalte ihrer Länder ausgleichen müssen
  • Von Spekulanten, die großvolumig auf fallende Kurse setzen („short gehen“)

Diese Einflüsse und damit die derzeitigen Kursrückgänge sind der Preis, den wir in Kauf nehmen, um ein täglich (ja sekündlich) handelbares Investment zu erhalten.

Diese Entwicklung wird sich wieder umdrehen. Dazu genügt häufig ein kleiner Impuls. Was wird geschehen, wenn ein seriöses Unternehmen bekanntgibt, dass es einen Impfstoff gegen das Corona-Virus zur Verfügung stellen kann?

Ja, wir sind besorgt. Alle sind besorgt. Wir neigen dazu, eine begonnene Entwicklung nach oben oder nach unten immer weiter in die Zukunft fortzuschreiben. Wenn die Börsenkurse steigen, erwarten wir weiter steigende Kurse. Wenn sie fallen, rechnen wir mit bodenlos weiter fallenden Kursen. Die Grafik von Franklin Templeton illustriert, dass die Menschheit schon häufig mit Epidemien und neuen Krankheiten zu kämpfen hatte.  Seit 1990 insgesamt 12 Mal, vor dem Ausbruch des Coronavirus. Diese Krisen haben die wirtschaftliche Entwicklung behindert, die Börsenkurse nach unten gezogen – aber die Welt nicht zugrunde gerichtet, auch nicht die Börsenwelt.

Quelle: Franklin Templeton

Schauen wir uns die Entwicklung der Infektionszahlen seit dem Auftauchen des Corona-Virus mal in verschiedenen Regionen der Welt genauer an.

China: Zahl der Neuinfektionen nimmt ab – Börsen stabilisieren sich

AllianceBernstein (AB) weist in einem Beitrag vom 16.03.2020 darauf hin, dass sich die chinesischen Aktien nach dem Absturz der amerikanischen und europäischen Märkte bereits wieder stabilisiert haben. Der MSCI China A Index stieg vom 1. bis 12. März auf USD-Basis um 0,3 % an. Der MSCI World-Index fiel in der gleichen Zeit um 17 %.

AB meint, dass ein wesentlicher Grund für diese unterschiedliche Entwicklung in der Erfahrung der lokalen Bevölkerung im Umgang mit derartigen Krisen liegt. Die SARS-Krise im Jahr 2003 hat der Bevölkerung gezeigt, wie man damit umgehen muss, wie man die Krise bewältigen kann – und dass so eine Krise nur vorübergehende Beeinträchtigungen mit sich bringt. Tatsächlich hat China die rigorosen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und der sozialen Kontakte bereits schrittweise wieder aufgehoben und fährt auch die Leistung seiner Fabriken Stufe für Stufe wieder hoch.

Italien: Zahl der täglichen neuen Fälle sinkt

Der „Wellenreiter“ von Robert Rethfeld (Abo hier)  stellt in seiner täglichen Frühausgabe vom 17.03.2020 fest, dass die Zahl der täglichen neuen Fälle am 16.3.2020 erstmals niedriger war als an den vorhergehenden Tagen. Die dramatischen Maßnahmen in Italien scheinen erste Erfolge zu zeigen – im Sinne der Eindämmung einer weiteren Ausbreitung des Virus.

Die wirtschaftlichen Folgen des vollständigen „ShutDown“ des ganzen Landes sind ebenso dramatisch. Aber: Auch diese Entwicklung wird sich wieder umkehren.

 

Quelle: Wellenreiter

Deutschland: Ansteckungen nehmen noch zu

In Deutschland hat die Ausbreitung des Virus später begonnen. Die Zahl der nachgewiesenen Ansteckungen nimmt derzeit noch zu.

Quelle: Wellenreiter

China: Anzahl der neuen Ansteckungen nimmt seit 4. Februar ab

Die Anzahl der täglich neuen Ansteckungen in China nimmt eigentlich bereits seit dem 4. Februar ab. Am 12. Februar wurde jedoch die Zählweise geändert, was zu einem irritierenden Verlauf der Grafik führt.

Quelle: Wellenreiter

USA: hat noch dramatische Einschränkungen vor sich

In den USA sind die Maßnahmen zur Reduzierung der Sozialkontakte, die zu einer Übertragung und damit Ausbreitung des Virus führen, noch am Anfang. Zu vermuten ist, dass diese Maßnahmen deutlich hochgefahren werden, sobald man davon überzeugt ist, dass eine Einschränkung der Kontakte zwischen Menschen die Ausbreitung des Virus verlangsamt.

Tirol als negatives Beispiel

Die letzten Tage häuften sich die Meldungen über das Vorgehen in Tirol, wo die Kombination von sorglosen Party-Touristen und zögerlichen Behörden zu einem der gefährlichsten Infektionsherde in Europa führten. Aus dem Skiort Ischgl, häufig auch als „Ibiza der Alpen“ bezeichnet, wurde das Virus von Hunderten von Skitouristen in zahlreiche Länder Europas mit nach Hause genommen, vor allem nach Norwegen und Dänemark, in die Schweiz, nach Deutschland und in weitere Länder. Die NZZ berichtet darüber ausführlich, außerdem zahlreiche Quellen, die Sie unter dem Stichwort „Ischgl Corona“ unschwer finden werden. So konterkariert der Leichtsinn und die Unvernunft einiger weniger die Anstrengungen von Millionen anderer.

Der Börsendienst vom Bernecker Verlag  schrieb am 14.03.2020:

„Die Virusepidemie ist eine Zeitfrage, führt aber zu unterbrochenen Lieferketten, woraus Risse in den Zahlungsketten entstehen, die zu schwerwiegenden Krisen führen können. … Noch nicht entschieden ist, ob es an den Finanzmärkten einen Unfall geben kann. Darin läge ein Schlusspunkt à la Lehmann oder LTCM bzw. Junk Bonds etc. Nur die Notenbanken könnten einen solchen Unfall auffangen oder verhindern. Die Fed ist darauf seit Herbst letzten Jahres vorbereitet, …

Resümee: Nach jeder Krisenlage entsteht ein neuer Investmentrahmen. Als Maßstab wählen wir 2003 und 2009. Im ersten Fall legte der DAX in den ersten 24 Monaten 87 % zu, im zweiten Fall 55 %. …“

Der Börsendienst „Finanzplatz Schweiz intern“ schrieb am 10.03.2020: Bitte denken Sie daran, dass Erleichterung genauso schnell einsetzt wie Angst. Letztere haben sehr Viele − mit der Erleichterung kommt dann genauso plötzlich der Kurssprung nach oben.

BlackRock, unterstützt vom BlackRock Investment Institut, hat am 16.03.2020 zu einem Webinar eingeladen. Hier einige Stichworte aus meinem Mitschrieb während des Vortrags:

„Dax heute minus 9,95 % (Stand 14:00 Uhr). Alle Europäischen Börsen minus 10 %, weiter fallend. Das ist mit Sicherheit noch nicht der Boden“.

BlackRock zeichnete sodann drei unterschiedliche Szenarien für eine mögliche weitere Entwicklung, wobei das mittlere Szenario „Milde Eskalation“ als das wahrscheinlichste angesehen wird.

  1. Szenario „Status Quo“: gegenüber dem jetzigen Zustand ändert sich nichts (mehr). Volkswirtschaft in einigen Ländern steht still, wie Italien. D und F, auch USA laufen noch einigermaßen. => „überschaubarer Schaden“, aber trotzdem Rezession. Tief und kurz. Zuerst Asien, dann Europa, dann USA. Wir wären dann derzeit etwa am Tiefpunkt. => jetzt Risiko-Assets kaufen. Markt könnte damit schnell wieder nach oben laufen.
  2. Szenario „Milde Eskalation“: das ist aus Sicht von BlackRock das wahrscheinlichste. In USA steigen die Fallzahlen, wenn mehr getestet wird. Aber die Zahl der Neuinfektionen sollte ähnlich wie in China alsbald wieder abnehmen. Dann Besserung in der Wirtschaft in den Sommer hinein. Problem USA mit sehr schlechter Absicherung bei Krankheit. 28 Mio ohne KV, viele andere können Kosten nicht tragen. => tiefe und lange Rezession. Dann langer Bärenmarkt, ein bis zwei Monate. Empfehlung für diesen Fall: Risiko reduzieren, z.B. mit Positionen gemäß der Auswahl „Minimum Volatility“. Es kann kein Ausblick gegeben werden, wie tief der Aktienmarkt noch fallen könnte. Unternehmensgewinne würden zurückgehen. Der Effekt auf die Märkte könnte schlimmer sein als nach Lehmann.
  3. Szenario „Dramatisch“. Nicht wahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Das wäre eine konkrete Bedrohung mit komplettem Lockdown in D, F, USA, wie in Italien. Führt zu ökonomischem Stillstand in großen Teil der Welt. Langer Bärenmarkt, mehrere Jahre. Globalisierung wird in Frage gestellt. Z.B. Herstellung von Pharmazeutika nicht nur in China, sondern lokal. In diesem Fall müssten Risikopositionen noch stark abgebaut werden.

Silberstreif und Hoffnung: Wenn der Markt sich erholt, dann gibt es einen sehr heftigen „Rebound“. Schnell und heftig. Es wäre irrational, jetzt das Risiko komplett abzubauen.

Virologen sagen: 70 % aller Menschen werden sich anstecken. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Hoffnung, dass es in der zweiten Jahreshälfte einen Impfstoff geben wird.

Irgendwann werden die Kurse wieder ihr Alltime-High erreichen. Das kann schon in einem, vielleicht in zwei Jahren sein.

**** Soweit meine Notizen aus dem Vortrag von Blackrock 16.03.2020. ****

Wann aussteigen? Wann wieder einsteigen?

Bleibt die zentrale Frage, ob es sinnvoll ist, per 17.03.2020 – nach einem Rückgang von mehr als 30 % (Dax: minus 37 % seit dem letzten Hoch) die Aktienpositionen zu verkaufen. Ich weiß es nicht. Wir werden es rückblickend ein einigen Monaten wissen, wie weit die Kurse zurückgegangen sind, wann der Tiefpunkt war und wie schnell der Anstieg der Kurse wieder begann. Die Grafik zeigt die Entwicklung des DAX die letzten drei Monate mit dem Hoch bei 13.789 und dem Rückgang bis zum 17.03.2020.

Quelle: DeGiro

Bernecker bläst massiv zum Kauf: „Kurse unter 9.000 (im Dax) sind Kaufkurse. Jetzt ist Schnäppchenzeit.“ Und er fügt hinzu: „Ein Restrisiko von 500 Punkte ist einkalkuliert“.

Wer zu den derzeit gedrückten Kursen verkaufen will, sollte stets gleich die zweite Entscheidung treffen: Zu welchem Kurs kehre ich in den Markt zurück? Wenn dieser zweite Schritt nicht konsequent umgesetzt wird, wenn dieser zweite Schritt nicht passt, dann hecheln wir mit hoher Wahrscheinlichkeit für lange Zeit den wieder steigenden Kursen hinterher, immer auf der Suche nach einem „günstigen“ Wiedereinstieg in den Markt.

Walter Feil