ESG und nachhaltige Investments sind auf dem Vormarsch

Stichworte wie Nachhaltigkeit, ESG, SDG und SRI sind nicht mehr aus dem Sprachgebrauch der Vermögensverwalter wegzudenken. Doch worum geht es dabei? Dies ist ein umfangreicher Statusbericht zum Thema nachhaltige Investments mit Kommentaren von Walter Feil. Wenn Sie sich nur für Teilbereiche interessieren, können Sie über die verlinkte Inhaltsangabe zu Ihrem gesuchten Gebiet navigieren:

10. März 2021: ein Meilenstein für nachhaltige Investments

Am 10. März 2021 trat die EU-Offenlegungsverordnung in Deutschland in Kraft. Dieses häufig auch als Transparenzverordnung bezeichnete Regelwerk schreibt vor, dass Vermittler von Investmentprodukten offenlegen müssen, ob und wie sie Nachhaltigkeitsrisiken bei der Beratung ihrer Kunden und bei der Auswahl von Investmentprodukten berücksichtigen.

Diese Vorschrift ist nur ein kleines Detail in einer Bewegung, die mittlerweile gigantische, weltumspannende Ausmaße angenommen hat. Sie wirkt allerdings wie ein Zahnrad in einem großen Getriebe: das kleine Zahnrad bringt Tempo in das Gesamtwerk und beschleunigt das Vorankommen.

Dieser Beitrag beleuchtet den Umfang der regulatorischen Vorschriften in Zusammenhang mit nachhaltigen Investments und die Auswirkungen auf unsere Investmententscheidungen.

Regulierung von nachhaltigen Investments auf drei Ebenen

Die Vorschriften zur Regulierung sind auf drei Ebenen relevant.

Erste Ebene: die Gestaltung von Finanzprodukten

Bei den Angeboten von Finanzprodukten wird künftig zwischen drei Alternativen unterschieden:

  1. Die Gestaltung des Anlageprodukts nimmt keine Rücksicht auf Nachhaltigkeit
  2. Die Gestaltung des Anlageproduktes berücksichtigt die ESG-Kriterien Umweltschutz, Soziales und Unternehmensführung
  3. Die Gestaltung des Anlageproduktes zielt auf Impact-Investing, also darauf, einen oder mehrere der bereits im Jahr 2015 von der UN definierten 17 Umweltziele gezielt zu unterstützen

Zweite Ebene: Umfang der Datenbereitstellung

Die bisher schon umfangreichen Vorschriften, welches Anlageprodukt welcher Kundengruppe („Zielmarkt“) angeboten werden darf, werden erweitert. Künftig müssen zusätzlich die Nachhaltigkeitspräferenzen der Investoren berücksichtigt werden. Dies setzt voraus, dass die Daten von jedem Anlageprodukt künftig auch Angaben enthalten müssen, welche Nachhaltigkeitskriterien in diesem Anlageprodukt berücksichtigt werden und in welchem Umfang.

Dies ist ein großer Kraftakt für die gesamte Investmentindustrie, der ganz bestimmt noch nicht abgeschlossen ist und vermutlich noch mehrfach zu Änderungen und Erweiterungen führen wird. Die Bereitstellung von Daten ist die Basis für alle Organisationen, die die mehr als zehntausend Investmentprodukte analysieren und sodann Ratings und Rankings erstellen, in welchem Umfang die Investmentprodukte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Sowohl private als auch institutionelle Investoren nutzen diese Rating- und Rankinglisten bei der Vorbereitung ihrer Investmententscheidungen. Damit ist jeder Anbieter von Investmentprodukten gezwungen, vollständige Daten zu liefern. Jeder Anbieter wird bemüht sein, möglichst positive Angaben in die Datensammlungen einstellen zu können.

Ich zweifle allerdings, ob alle Angaben in jedem Fall einer tiefen Prüfung standhalten. Das Positive daran ist jedoch: Es wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der Schritt für Schritt zu mehr Transparenz führt, in welchem Umfang Nachhaltigkeitskriterien bei der Gestaltung eines Investmentproduktes berücksichtigt werden. Im Laufe der Jahre wird die Qualität und Zuverlässigkeit der Angaben zunehmen. Nicht-nachhaltige Anlageprodukte werden von Jahr zu Jahr immer weniger nachgefragt.

Walter Feil, IhrKonzept GmbH

Dritte Ebene: Anpassung der Beratungsprozesse

Seit dem 10. März 2021 müssen Anlageberater und Versicherungsmakler Nachhaltigkeitsrisiken bei der Auswahl von Finanzprodukten berücksichtigen. Ergänzend müssen sie auf eventuelle negative Rendite-Auswirkungen von Nachhaltigkeitsrisiken bei der Auswahl von Anlageprodukten hinweisen. Darüber hinaus müssen sie ihre Kunden (Pflicht ab Januar 2022) ausdrücklich fragen, welche Präferenzen in Zusammenhang mit nachhaltigen Investments vorliegen und sodann dokumentieren, wie diese Präferenzen bei der Auswahl von Anlageempfehlungen berücksichtigt wurden. Sie können sich dieser Verpflichtung nur entziehen, wenn sie „offenlegen“, dass sie Nachhaltigkeitsrisiken und die möglichen Auswirkungen dieser Nachhaltigkeitsrisiken bei der Auswahl von Anlageprodukten nicht berücksichtigen.

Ich erachte es für sehr unwahrscheinlich, dass ein Anlageberater oder Versicherungsmakler offenlegt, dass Nachhaltigkeitsaspekte bei seiner Beratung keine Rolle spielen. Wenn jedoch erklärt wird, dass Nachhaltigkeitsaspekte – insbesondere unter Beachtung der Kundenpräferenzen – bei der Auswahl von Anlageprodukten berücksichtigt werden, dann schließt sich der Kreis: Der Berater ist auf die von den Produktanbietern bereitgestellten Daten angewiesen. Er wird vermutlich zunächst die einschlägigen Beurteilungen der etablierten Institute, welche Ratings und Rankings in Zusammenhang mit nachhaltigen Anlageprodukten erstellen, auswerten und sodann eine daraus entstandene Vorauswahl im Einzelfall tiefer prüfen. Daraus folgt, dass Anlageprodukte, die kein positives Rating von den etablierten Organisationen erhalten, kaum mehr eine Chance haben, Mittelzuflüsse zu erreichen.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Manager eines Investmentproduktes sehr engagiert darum kämpfen wird, ein positives Rating in Zusammenhang mit Nachhaltigkeitskriterien zu erhalten. Dies führte bisher schon dazu, dass Fondsmanager jedes Unternehmen, in dessen Aktien und Anleihen sie investieren wollen oder bereits investiert sind, mit umfangreichen Fragebögen konfrontieren, um Auskunft zu erhalten, wie die Einstellung, die konkreten Aktivitäten und die weiteren Ziele dieses Unternehmens in Zusammenhang mit nachhaltigem Wirtschaften sind.

Walter Feil, IhrKonzept GmbH

Unternehmen, die keine Auskunft erteilen oder deren Auskunft nicht zufriedenstellend ausfällt, werden nicht investiert. In vielen Fällen wurden auch schon bestehende Investments aufgelöst. Auch wenn Zweifel angebracht sind, ob die Auskünfte der Unternehmen in jedem Fall absolut wahrheitsgemäß sind, entsteht an dieser Stelle doch ein enormer Druck auf jedes einzelne Unternehmen, Schritt für Schritt mehr „Nachhaltigkeit“ in das Unternehmen zu bringen und klimaschädliche, unsoziale und unkorrekte Verhaltensweisen so schnell wie irgend möglich abzubauen.

Große Veränderungen in Richtung nachhaltigem Investieren

Die AGI (Allianz Global Investors) – als ein Beispiel von vielen – hat die seit 10. März 2021 gültigen Vorgaben für die Anlageberatung bereits in einer Webkonferenz im Dezember 2020 übersichtlich dargestellt.

  1. Der Berater fragt den Anleger (zusätzlich) nach seinen Präferenzen in Zusammenhang mit nachhaltigem Investieren.
  2. Äußert der Anleger bestimmte Präferenzen, wird der Berater die dazu passenden Investmentprodukte auswählen und diese Auswahl begründen und dokumentieren.

Von Monat zu Monat werden mehr Anleger ihre Präferenzen zugunsten von nachhaltigen Investments äußern. Dies wird dazu führen, dass in absehbarer Zeit Investmentprodukte ohne positives Nachhaltigkeitsrating kaum mehr nachgefragt werden. Am Beispiel AGI (nur ein Beispiel von vielen) wird deutlich, wie schnell die Veränderungen Richtung Nachhaltigkeit vorangehen: am 10. März 2021, genau an dem Tag, an dem die Offenlegungsverordnung (auch Transparenzverordnung genannt) in Kraft trat, veröffentlichte AGI, dass das Angebot an nachhaltigen Investments deutlich ausgebaut wurde. 74 weitere Fonds mit einem Gesamtvolumen von 70 Milliarden Euro werden nachhaltig.

Walter Feil, IhrKonzept GmbH

Die Webseite führt weiter aus: „Allianz Global Investors (AllianzGI) baut das Angebot an nachhaltigen Kapitalanlagen deutlich aus. Im Rahmen des strategischen Ziels, führend im Bereich nachhaltiger Investments zu sein und kontinuierlich Innovationen voranzutreiben sowie mit Blick auf die wachsende Kundennachfrage wurde die Anlagestrategie von 74 weiteren Publikumsfonds derart umgestellt, dass sie Nachhaltigkeitsansprüchen genügen. Die Aktien-, Anleihen- oder Multi-Asset-Portfolios werden von nun an unter systematischer Einbeziehung von ESG-Kriterien und unter Berücksichtigung von AllianzGIs Mindestausschlüssen konstruiert. Darüber hinaus unterliegen sie dem bewährten SRI-Best-in-Class-Ansatz oder einem neuen erweiterten Engagement-Ansatz. …“

AGI baut Angebot an nachhaltigen Investments | Allianz Global Investors (allianzgi.com)

Ich betone, dass dies nur ein Beispiel von vielen ist. Die Nachhaltigkeits-Bewegung ist mittlerweile eine Flutwelle, die den Globus (positiv) überrollt. Gerade um den 10. März herum, dem Tag, ab dem Anlageberater verstärkt auf die Informationen der Produktlieferanten in Zusammenhang mit Nachhaltigkeit zugreifen (müssen), kamen bei mir täglich (!) mehrere Mails ähnlichen Inhalts an. Ich denke, dass es jede Investmentgesellschaft mit aller Kraft daran arbeitet, ihr Angebot an Investmentprodukten den neuen Regeln anzupassen. Jedes Investmenthaus kämpft darum, mit seinen Investmentprodukten möglichst weit vorne zu stehen, wenn es um die Vergabe von Sternen, grünen Blättern oder anderen Kennzeichen für nachhaltiges Investieren geht.

Zeitgleich gehen täglich neue Einladungen zu Webinaren ein, die die Veränderungen bei den Investmentprodukten Richtung Nachhaltigkeit vorstellen. Jedes Investmenthaus arbeitet mit Hochdruck daran, Anlageberater und institutionelle Investoren davon zu überzeugen, wie nachhaltig seine Investmentprodukte mittlerweile geworden sind.

Diese Entwicklung übt – ich wiederhole mich hier – massiven Druck auf jedes Unternehmen aus, sein Geschäftsmodell und alle seine Aktivitäten tief zu prüfen und sein Bestes zu geben, klimaschädliche Aktivitäten zurückzufahren und Geschäftsbereiche mit mehr Nachhaltigkeit auszubauen. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Ölkonzerne sind sicherlich kein Musterbeispiel von nachhaltigem Wirtschaften. Einige dieser Konzerne haben jedoch bereits milliardenschwere Investitionen gestartet, um die Wende vom Geschäftsmodell Ölproduzent zum neuen Geschäftsmodell Energielieferant in Gang zu setzen, wobei die künftig zu liefernde Energie aus erneuerbaren Energiequellen kommen soll. Sie werden zahlreiche Informationen hierüber finden, z.B. unter der Suchphrase: „Ölkonzerne investieren in erneuerbare Energien“.

Hier einige Beispiele:

Shell, BP und Co.: So will die Ölbranche die Wende schaffen (handelsblatt.com)

Ölkonzerne – vom Saulus zum Paulus? (erneuerbareenergien.de)

manager magazin | Wirtschaftsnachrichten (manager-magazin.de)

Ausstieg aus dem Öl: Müssen sich Ölkonzerne neu erfinden? – EditionZukunft – derStandard.at › EditionZukunft

Es ist noch ein sehr langer Weg, bis unsere Energieversorgung klimaneutral wird. Eine erste Wegstrecke ist zurückgelegt. Das Tempo beschleunigt sich enorm. Einige Ölkonzerne haben die Veränderungen erkannt, sehen ihr bisheriges Geschäftsfeld als Auslaufmodell und bereiten sich darauf vor, auch in der Zukunft gute Erlöse zu erzielen – dann jedoch mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell.

Eine gleichartige Entwicklung sehen wir bei den Autobauern. Sie haben lange gebraucht, bis sie die Weichen konsequent auf Antriebe mit erneuerbaren Energien umgestellt haben. Jetzt läuft dieser Prozess jedoch bei allen mit Tempo und mit sehr großem Einsatz.

Nachhaltigkeit – was ist das?

Unter dem Begriff Nachhaltigkeit haben sich in der Welt von Anlageprodukten mittlerweile zahlreiche Abkürzungen etabliert. Die bekannteste davon ist wohl ESG. Hier eine Übersicht:

ESG steht für Environment, Social, Governance.

Der ganze ESG-Komplex wird mittlerweile meist vereinfachend als Nachhaltiges Investieren bezeichnet, wobei sich gemäß meiner Wahrnehmung ein extremer Schwerpunkt im Bereich Environment (Umwelt) und hier speziell ein starker Fokus auf den Klimaschutz (Reduzierung des CO²-Ausstosses) gebildet hat. Zur Beurteilung, ob ein Investment ESG-konform ist, müssen jedoch alle drei Bereiche beleuchtet werden.

E steht für Environment.
Darunter verstehen wir Umwelt im Sinne von Umweltschutz. In der Investmentwelt wird dieser Begriff mittlerweile mit einem extremen Fokus auf den Klimaschutz und hier auf die Vermeidung von CO²-Ausstoss verwendet.

Umweltschutz ist aus meiner Sicht allerdings mehr als nur Klimaschutz. Auch die Vermeidung von Wasserverschmutzung sowie von Luftverschmutzung jeglicher Art, die Erhaltung von Wäldern, die Pflege von Landschaften, die Erhaltung und der Ausbau von Ökosystemen jeder Art ist aus meiner Sicht Umweltschutz.

Im Bestreben, den CO²-Ausstoss von Fahrzeugen zurückzufahren, haben wir uns – als Beispiel – ein Regelwerk geschaffen, das jedem Fahrzeug eine bestimmte Menge CO²-Ausstoss zubilligt. Verursacht die Fahrzeugflotte, die ein Automobilproduzent verkauft, einen höheren CO²-Ausstoss als genehmigt, muss der Automobilproduzent eine Strafe bezahlen – oder er muss CO²-Zertifikate kaufen. Damit erwirbt er das Recht, die Umwelt mit mehr CO² zu belasten. Ist das vernünftig? Ich zahle – dann darf ich die Umwelt belasten? Das führt dann zu so seltsamen Meldungen wie: Tesla erzielt 1,6 Milliarden USD durch Verkauf von CO²-Zertifikaten. Offenbar hat Tesla im Rahmen des oben benannten Regelwerkes sein Kontingent, die Umwelt durch CO² zu belasten, nicht ausgeschöpft oder gar nicht in Anspruch genommen. Tesla kann als Folge seinen Anspruch auf Umweltverschmutzung für 1,6 Milliarden USD verkaufen – an andere Unternehmen, die damit die von ihnen verursachte Umweltbelastung legitimieren können.

Ein anderes Beispiel: Fast jeden Tag lesen wir neue erschreckende Berichte, wie der Regenwald im Amazonasgebiet ungeachtet des Verbots von Brandrodungen … nach wie vor in Flammen steht. Allein in den ersten Septembertagen 2020 wurden im brasilianischen Amazonasgebiet rund 1.000 Feuer registriert, wie aus Daten des nationalen Instituts für Weltraumforschung INPE hervorgeht. Soweit die Meldung. – Natürlich: irgendjemand hat ein Interesse daran, diese Flächen anderweitig zu nutzen. Deswegen vergiftet er zunächst die Umwelt mit den Folgen seiner Feuer und vernichtet damit gleichzeitig große Waldflächen, die vorher einen positiven Beitrag zum Klimaschutz geleistet haben.

Ich frage mich: diese Regenwaldflächen gehören doch irgendjemand, vielleicht Großgrundbesitzern oder Agrarkonglomeraten oder dem Staat Brasilien. Wenn wir (wir = die Weltbevölkerung) diesen Regenwald als so wichtig für den Erhalt des Weltklimas ansehen, wenn wir der Überzeugung sind, dass dieser Regenwald als grüne Lunge der Welt einen positiven Beitrag für das Weltklima leistet und deswegen so wichtig ist: warum bezahlen wir dem Eigentümer dieser gigantischen Flächen nicht eine angemessene Summe für den Erhalt dieser grünen Lunge? Wir investieren national in den Erhalt unserer Landschaften, indem wir im Rahmen der Programme zur Landschaftspflege Budgets bereitstellen. Warum sollten wir international nicht auch in die Erhaltung der Regenwälder investieren? Mit Appellen und Ermahnungen kommen wir hier nicht weiter.

S steht für Social.
Darunter verstehen wir die Rücksichtnahme auf die sozialen Belange unseres Wirtschaftens und Zusammenlebens. Die Beschäftigung von Arbeitern und Arbeiterinnen zu Niedriglöhnen, mit denen kein menschenwürdiges Leben finanziert werden kann, erfüllt vermutlich nicht die Standards für sozial verantwortungsvolles Wirtschaften.

G steht für Governance.
Darunter verstehen wir eine verantwortungsvolle Unternehmensführung. Dieser Bereich umfasst vor allem die internen Maßnahmen eines Unternehmens zur Sicherstellung einer korrekten Unternehmensführung und der Vermeidung von Korruption. Eine Unternehmensführung, die die  Bereicherung einiger weniger wie im Falle Wirecard ermöglichte, würde sicherlich nicht als good Governance bezeichnet werden.

Häufig erzielen Unternehmen, die fast oder ausschließlich Dienstleistungen in Form von Beratungsleistungen erbringen, ein besonders hohes ESG-Rating. Selbstverständlich verursacht der Betrieb einer Bank, einer Versicherung oder einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nur einen geringen CO²-Ausstoss im Vergleich zu einem Transportunternehmen mit einer Flotte von Bussen oder Lastkraftwagen. Ich frage mich aber schon: ist es ein positives Merkmal im Bereich sozial und guter Unternehmensführung, wenn eine große deutsche Bank in diesem Jahr 2,14 Milliarden Euro Boni – zusätzlich zu den normalen Gehältern – ausschüttet, während gleichzeitig die Dividende für die Aktionäre der Bank gestrichen wird und weiterhin laufend Stellen abgebaut werden?

Deutsche Bank Boni: Diese Bereichen profitieren besonders (handelsblatt.com)

Die Argumentation, dass die Unternehmensbereiche, deren Akteure hohe Boni erhalten, in anderen Ländern noch höheren Boni erhielten und man damit im Wettbewerb stehe, ist aus meiner Sicht eher ein Hinweis darauf, dass in dieser Branche weltweit die Vergütungssysteme etwas …, sagen wir: asymmetrisch organisiert sind und sich die Akteure in diesen Bereichen reichlich selbst bedienen. Aus einer Diskussion mit einem Fondsmanager im Jahr 2020 habe ich die Bemerkung aufgenommen, dass die Gewinne aus dem Investmentbanking typischerweise zu 75 % durch Boni aufgesogen werden. Siehe oben: Boni 2,14 Milliarden. Dividende: Null.

Ist es ein Kennzeichen verantwortungsvoller Unternehmensführung, wenn deutsche Landesbanken – wie während der letzten Finanzkrise 2007/2008 bei mehreren Landesbanken geschehen – sich mit Derivaten aus der der US-amerikanischen Investmentwelt vollpumpten, die sich kurze Zeit später als wertlos entpuppt haben? Sie erinnern sich: diese Landesbanken in Deutschland wurden anschließend nur deswegen vor der Insolvenz bewahrt, weil der Staat (das heißt: Sie … und Sie … und ich, wir alle als Steuerzahler) Milliardenbeträge aufgebracht haben, um diese Banken zu retten. Mit einigen Jahren Abstand mag es vielleicht ganz amüsant sein, nachzulesen, wie die US-Investmentbanker Lehrlinge zu den Vorständen dieser Landesbanken schickten, weil diese so verrückt nach diesen Verbriefungen waren und kein anderes Sales-Personal mehr verfügbar war.

(siehe: Anne T.: „Die Gier war grenzenlos. Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus.“
Im Buchhandel broschiert neu für 18 Euro, gebraucht bei Amazon ab 1,35 Euro)

Walter Feil, IhrKonzept GmbH

SRI steht für Socially Responsible Investing

Darunter verstehen wir, dass in eine Investitionsentscheidung auch soziale und ökologische Kriterien mit einbezogen werden. In der gegenwärtigen Diskussion über verantwortungsvolles Investment wird dieser Begriff häufig in den von der UN definierten SDG-Kriterien verbunden.

SDG steht für Sustainable Development Goals

Schon im Jahr 2015 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Sammlung von 17 miteinander verknüpften globalen Zielen definiert, die als Blaupause für eine bessere und nachhaltigere Zukunft für alle dienen soll. Sie sind Teil einer UN-Resolution unter dem Namen Agenda 2030 und sollen bis zum Jahr 2030 erreicht werden.

Am 6. Juli 2017 wurden diese 17 Ziele durch eine weitere UN-Resolution etwas deutlicher herausgearbeitet.

siehe auch: Sustainable Development Goals – Wikipedia

Die 17 Nachhaltigkeitsziele  der UN (Sustainable Development Goals)

Die siebzehn Ziele der Agenda 2030 werden durch siebzehn Zeichen dargestellt, die mittlerweile häufig bei der Vorstellung von Anlageprodukten auftauchen. Mit der Verwendung eines oder mehrerer dieser Zeichen möchte der Anbieter darauf hinweisen, dass sein Anlageprodukt ein oder mehrere dieser Ziele besonders unterstützt.

Nachhaltige Investments - UN Ziele

UN-Resolution: 17 Ziele der Nachhaltigkeit – Sustainable Development Goals

 

Die siebzehn Sustainable Development Goals sind:

(1) Keine Armut

(2) Null Hunger

(3) Gute Gesundheit und Wohlbefinden

(4) Qualitativ hochwertige Bildung

(5) Gleichstellung der Geschlechter

(6) Sauberes Wasser und Sanitärversorgung

(7) Bezahlbare und saubere Energie

(8) Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum

(9) Industrie, Innovation und Infrastruktur

(10) Verringerung von Ungleichheit

(11) Nachhaltige Städte und Gemeinden

(12) Verantwortungsvoller Konsum und Produktion

(13) Klimaschutz

(14) Leben unter Wasser

(15) Leben an Land

(16) Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen

 (17) Partnerschaften für die Ziele

Diese siebzehn Sustainable Development Goals (SDG) werden häufig in Zusammenhang mit Impact-Investing zitiert. Damit bringt ein Fondsmanagement zum Ausdruck, dass es bei der Zusammenstellung des Portfolios eines oder mehrere dieser Ziele ganz besonders unterstützt und damit für dieses besondere Ziel einen erkennbaren Fortschritt erreichen will. Beispiele finden wir bei Fonds, die in Unternehmen investieren, die die Wasserversorgung sicherstellen (Ziel 6: Sauberes Wasser und Sanitärversorgung) oder die in Solar- und Windparks (Ziel 7: Bezahlbare und saubere Energie, Ziel 13: Klimaschutz) investieren.

Best in Class

Wenn ein Fondsmanagement in besonderem Maße Socially Responsible Investing (SRI) unterstützen möchte, wendet es in seinem Auswahlverfahren häufig das Best-in-Class – Verfahren an. Dies bedeutet: aus den grundsätzlich in Frage kommenden Unternehmen filtert es, häufig in mehreren Stufen, diejenigen Unternehmen heraus, die die gewünschten SRI-Kriterien besser als andere erfüllen. Damit trägt man dem Umstand Rechnung, dass man wohl selten ein Unternehmen findet, das alle gewünschten Kriterien bestmöglichst (mit 100 von 100 möglichen Punkten) erfüllt.

Mit dieser Systematik entsteht ein enormer Ansporn für die Unternehmen, die Unternehmensentwicklung Jahr für Jahr noch konsequenter auf nachhaltiges Wirtschaften auszurichten. Immerhin ist damit zu rechnen, dass von den heute noch nicht auf den vorderen Rängen platzierten Unternehmen einige bei der Erfüllung von Nachhaltigkeits-Kriterien Schritt für Schritt besser werden und damit die bisherigen Best-in-Class-Repräsentanten von ihren Plätzen verdrängen.

Walter Feil, IhrKonzept GmbH

Zwei Arten von Investmentzielen

In der Praxis unterscheiden wir vor allem zwei unterschiedliche Ziele unserer Investmentauswahl:

Die Reduzierung negativer Folgen unseres Handelns

Darunter verstehen wir zum Beispiel die Reduzierung des CO²-Ausstoßes in die Umwelt, die Reduzierung von Schadstoffen im Abwasser oder die Reduzierung von Lärmemissionen eines Gewerbebetriebes.

Die aktive Förderung nachhaltiger Ziele

Darunter verstehen wir die aktive Verbesserung unserer Umwelt durch Förderung nachhaltiger Ziele, häufig auch Impact-Investing genannt. Beispiele hierzu sind der Bau und die Bewirtschaftung eines Wasserkraftwerkes, Solarparks oder Windparks zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien oder der Bau einer effektiven Wasserversorgung zur Fruchtbarmachung von Ackerland.

EU-Offenlegungsverordnung verlangt Informationen

Entsprechend den zwei unterschiedlichen Investmentzielen unterscheidet die EU-Offenlegungsverordnung zwischen Fonds oder Vermögensverwaltungen mit Umwelt- und sozial -Merkmalen (häufig auch ESG-Ziele genannt) und Fonds, die ganz bestimmte Investmentziele zur messbaren Verbesserung von Umweltzielen sowie sozialen Kriterien verfolgen.

Die Anbieter von Fonds und Vermögensverwaltungen müssen für Anlageprodukte, die sie als nachhaltig bezeichnen, offenlegen,

  • welche Nachhaltigkeitsziele die Fonds konkret verfolgen
  • mit welcher Methodik dies in den Fonds umgesetzt wird
  • welche positiven oder negativen Nachhaltigkeitsergebnisse durch die Fonds bewirkt werden.

Die AGI (Allianz Global Investors) wies bereits im Dezember 2020 darauf hin, dass weitere Vorgaben im Zug der fortschreitenden Regulierungen zu erwarten sind wie folgt:

  • Anpassung der Prospekte und Webseiten
  • Berücksichtigung der relevanten Anforderungen im Anlage- und Risikomanagement in Zusammenhang mit der Definition von Nachhaltigkeitsrisiken und den negativen Auswirkungen bei Eintritt dieser Nachhaltigkeitsrisiken (Englisch: PAI – Principal Adverse Impact = Negative Nachhaltigkeitsrisiken)
  • Erfüllung der Geeignetheitsprüfung bei Nachhaltigkeitspräferenz, mit Überprüfung der Produktpalette und Implementierung dieser Prüfroutinen in den Beratungsprozess
  • Beachtung der Taxonomie (darunter versteht man die Klassifizierung von nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten, im Wesentlichen in Anlehnung an die 17 Nachhaltigkeitsziele wie von der UN veröffentlicht). – Die Taxonomie-Verordnung tritt erst im Januar 2022 in Kraft.

 

Es wird noch eine Weile dauern, bis alle Fonds und Vermögensverwaltungen die umfangreichen Vorschriften genau erfüllen. Per Dezember 2020 stand z.B. noch nicht einmal genau fest, wo und wie diese Informationen bereitzustellen sind. (Fondsprospekt? KIID? FactSheet?) Auch sind die Vorgaben zur Offenlegung für die Anbieter von Fonds nicht deckungsgleich zu den Vorgaben an Anlageberater in Zusammenhang mit den Kundenanfragen. Die Taxanomie-Verordnung tritt erst im Januar 2022 in Kraft, soll aber eigentlich schon jetzt beachtet werden. Wir sind es gewohnt, dass Vorschriften, die von einer Gemeinschaft von 27 Mitgliedstaaten erarbeitet werden, manchmal mehr Verwirrung als Klarheit schaffen. Dies ändert nichts an der Kraft der Bewegung, die zugunsten von nachhaltigem Wirtschaften in Gang gesetzt wurde.

Walter Feil, IhrKonzept GmbH

7,6 Billionen Euro nachhaltige Investments bis 2025

PWC (PricewaterhouseCoopers) erwartet, dass alleine in Europa bis zum Jahr 2025 7,6 Billionen Euro (in Worten: siebentausendsechshundert Milliarden Euro) in nachhaltige Investmentstrategien fließen. Im Jahr 2019 lag dieser Anteil noch bei 0,9 Billionen Euro (900 Milliarden Euro). Die jährliche Wachstumsrate von nachhaltigen Investments schätzt PWC auf fast 30 %.

Über drei Viertel der institutionellen Anleger in Europa erwarten, dass sie keine Neuinvestitionen in nicht-nachhaltige Strategien (mehr) tätigen.

Wenn diese Einschätzung zutrifft, wird dies die Wertentwicklung in nachhaltige Anlagestrategien deutlich unterstützen. Investments, die laufend hohe Mittelzuflüsse erhalten, sind in einer besseren Position, als Investments, die (wegen nicht nachgewiesener Nachhaltigkeit) mit Mittelabflüssen zu rechnen haben.

Auf diese Weise wirkt die Bewegung Richtung Nachhaltigkeit genau an der Stelle, an der es den Unternehmen und deren Managern am meisten wehtut: beim Geld. Die Manager von Unternehmen, die häufig gemeinsam mit ihrer gesamten Führungscrew neben ihren regulären Bezügen zusätzlich mit Optionen zum Bezug von Aktien honoriert werden, erfahren aus dieser Richtung eine hohe Motivation, die Attraktivität ihres Unternehmens im Aktien- und Anleihemarkt zu erhöhen. Verkaufswellen der Aktien wegen nicht erfüllter Nachhaltigkeitskriterien wirken sich negativ auf das persönliche Einkommen der Manager aus – und umgekehrt.

Walter Feil, IhrKonzept GmbH

Investmenthäuser setzen Unternehmen unter massiven Druck

Welche gigantischen Summen hier im (positiven) Feuer stehen, lässt sich am Beispiel der Ziele von AGI (Allianz Global Investors) veranschaulichen: Innerhalb von nur einem Jahr, von 2020 bis 2021, möchte AGI den Anteil von Investments, die in formalisierte Nachhaltigkeit einzuordnen sind, auf 500 Milliarden Euro erhöhen.  Das heißt: bis Ende 2021 will AGI über 500 Milliarden Euro verwaltete Gelder in nachhaltigen Anlagestrategien und Strategien mit ESG-Risikokontrolle halten.

AGI ist nur ein Beispiel, ein einziges Beispiel von hunderten. Rings um den Globus verfolgen Investmenthäuser gleichartige Ziele. Sie möchten ihren Anlegern Investmentmöglichkeiten bieten, mit denen sie ihre Vorstellungen über nachhaltiges Investieren umsetzen können. Können Sie sich vorstellen, welch ein Druck damit auf die Unternehmensführungen ausgeübt wird?

An einem Montag liegt der Fragebogen von AGI vor, mit dem das Unternehmen im Rahmen von 50 bis 100 Fragen Auskunft geben soll, wie es zahlreiche Einzelheiten in Zusammenhang mit nachhaltigem Wirtschaften handhabt, welche Veränderungen in Richtung mehr Klimaschutz, höheren sozialen Standards und besserer Unternehmensführung bereits umgesetzt sind, welche Veränderungen weiterhin geplant sind und wann diese umgesetzt werden sollen.

Am Dienstag der gleichen Woche findet das Jahresgespräch mit einem Vertreter der DWS statt, am Mittwoch das Jahresgespräch mit einem Vertreter von UnionInvest, am Donnerstag mit DEKA, … , und alle stellen die gleichen Fragen: Was tust Du, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen (Impact-Investing gemäß den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN), was tust Du, um Deinen Ausstoss an CO² zu reduzieren, was ist vorgesehen, um mehr soziale Gerechtigkeit in Deinem Unternehmen zu schaffen, und wie steht es bei Dir in Zusammenhang mit korrekter Unternehmensführung?

In der nächsten Woche kommen die Fragen aus Frankreich, aus Spanien, aus den Niederlanden, … dann die Fragen aus Übersee, … und das Management weiß genau, dass im folgenden Jahr wieder die gleichen Fragen gestellt werden, inklusive der Fragen nach dem Nachweis, dass die im Vorjahr angekündigten Maßnahmen auch tatsächlich umgesetzt worden sind.

Walter Feil, IhrKonzept GmbH

Anlegerwünsche und Regulierung wirken zusammen

Zwei Entwicklungen addieren sich mittlerweile zu einer gewaltigen Bewegung in Richtung nachhaltigem Investment:

  1. Tag für Tag fragen mehr Anleger danach, wie sie ihre Vorstellungen in Zusammenhang mit nachhaltigem Investieren umsetzen können. Die Nachfrage wächst rasant.
  2. Monat für Monat treten mehr Vorschriften und Regulierungen in Kraft, die die Anbieter zwingen, genaue Auskünfte über ihre Anlageprodukte in Zusammenhang mit nachhaltigem Investieren in allen seinen Ausprägungen zu geben. Damit wächst auch das Angebot und die Transparenz über die Anlageprodukte sehr schnell.

Institutionelle Anleger führen das Feld an

Institutionelle Anleger (das sind z.B. Versicherungen, Pensionskassen, große Stiftungen, die Verwaltung von Firmenvermögen, die Verwaltung von berufsständischen Versorgungseinrichtungen, …) führen das Feld der nahhaltigen Investoren mit großem Abstand an. Das FNG (Forum nachhaltige Geldanlagen) ermittelte für das Jahr 2019 für private Anleger ein Investmentvolumen von 18,3 Millionen Euro in nachhaltigen Fonds und Mandaten, für Institutionelle Anleger jedoch ein Volumen von über 150 Milliarden Euro. Damit betrug im Jahr 2019 der Anteil der institutionellen Anleger an den nachhaltigen Investments 89 %.

Private Anleger holen allerdings auf. Ihr Investment stieg von 2018 auf 2019 um 96 %, das der Institutionellen nur um 27 %. Dies zeigt, dass die Institutionellen schon viel früher begonnen haben, nachhaltige Kriterien zu berücksichtigen, die Privaten jetzt aber mit Tempo aufholen. Hier mag die breite Bewegung zugunsten mehr Klimabewusstsein, angetrieben von den Aktivitäten von Greta Thunberg, einen beschleunigenden Einfluss gehabt haben.

Nachhaltige Investmentlösungen stehen für Sie bereit

In den nächsten Wochen wird die Zahl der Investmentmöglichkeiten, die ihre Nachhaltigkeits-Kriterien sauber dokumentieren, fortlaufend zunehmen. Wir arbeiten wie gewohnt in Arbeitsteilung mit Ihnen zusammen: Sie nennen uns Ihre Prioritäten, wir stellen Ihnen eine Auswahl zusammen, mit denen Sie Ihre Investmentvorstellungen umsetzen können.

Nachhaltige Investments - ESG-Beratung:

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