Kursrückgang an den Börsen – was nun?

Geposted von Walter Feil am

Seit dem 26. Januar gingen die Kurse an den Aktienbörsen rund um den Globus zurück. Die Headline-Texter versuchen, sich gegenseitig mit Schreckens-Vokabeln zu übertrumpfen. Sogar die sehr sachlich auftretende Zeitschrift „Das Investment“ bringt in ihrer Online-Ausgabe vom 6.2.2018 die die aufmerksamkeitsheischende Überschrift „1.000 Milliarden futsch – US-Aktienmarkt stürzt ab“, ergänzt mit einem Photo von hektisch agierenden Börsenhändlern.

Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer von Hauck & Aufhäuser, titelt in seinem Sonderkommentar vom 6.2.2018 „Black-Box-Crash“ und ergänzt: „An der Wall Street ist zum Wochenstart Panik ausgebrochen“. Als Beweis zeigt Allgeier auf den Dow Jones, der „am Montag so viele Punkte wie nie zuvor an einem einzelnen Handelstag“ verlor.

Fünfzig Prozent plus in zwei Jahren

Schauen wir uns den zitierten „Dow Jones“ einmal selbst an. Die folgende Grafik zeigt die Kursentwicklung des iShares-ETF, der den Dow Jones inklusive der Dividendenausschüttungen abbildet, in der Originalwährung USD. Erkennen Sie hier einen „Crash“ oder einen „Zusammenbruch“, der die (Finanz-) Welt aus den Angeln hebt? Dieser ETF hat seit 1. Januar 2016 um über 55 Prozent zugelegt, und das fast wie an der Schnur gezogen. Seit Oktober 2017 hatte sich diese Entwicklung beschleunigt. Jetzt lässt der Index einige Prozentpunkte Dampf ab.

Die braune Linie zeigt den iShares-ETF auf den Dow Jones Index, die dünne blaue Linie die Entwicklung des Weltaktienindex zum Vergleich, die dicke, gerade blaue Linie den Stand des Index, wie er von vwd am 6.2. veröffentlicht wurde.

Der Kursrückgang überrascht nicht

Ein Rückgang der Aktienkurse war von allen Börsenexperten erwartet worden. Überrascht zeigen sich viele nur vom Zeitpunkt: die meisten rechneten erst „im Frühjahr“ mit einem Rückgang. Die Schnelligkeit des Kursrückgangs dieses amerikanischen Index und auch vieler anderer Indices wird erklärt durch die „von Algorithmen verstärkten Kursschwankungen“, womit in diesem Fall eine schnelle „Schwankung nach unten“ gemeint ist.

Algorithmen verstärken die Kursbewegungen

Ein Algorithmus ist laut Wikipedia eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen. Computer handeln nach den ihnen vorgegebenen „eindeutigen Handlungsvorschriften“. So kommt es zur vollautomatischen Ausführung von Stop-Loss-Ordern, die sodann – wenn nach der Anstoss dieser Verkaufsorders weitere Kursrückgänge eingetreten sind – weitere, zusätzliche Verkaufsorders auslösen. Der Mensch programmiert – der Computer arbeitet das Programm ab. So entstehen immer häufiger ganze Kaskaden von Verkaufsorders, die zu sich selbst verstärkenden Kursrückgängen führen.

Positive Arbeitsmarktdaten und fallende Börsenkurse?

Auslöser war nach Meinung vieler Kommentatoren eine stärker als üblich aufgetretener Lohnanstieg in den USA. Wie das? Die Wirtschaft brummt, der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt, die Löhne steigen – und die Börsenkurse fallen? Die spekulativ eingestellten Investoren fürchten bei steigenden Löhnen ein Anziehen der Inflation. Dies wiederum könnte die amerikanische Notenbank dazu veranlassen, die Leitzinsen stärker als bisher erwartet zu erhöhen. Und höhere Zinsen – das mögen die Gambler, die mit hohen fremdfinanzierten Summen an den Börsen spekulieren, überhaupt nicht. Sie sehen für die nächsten Tage und Wochen mehr Risiko als Chance. Sie wollen die bisher erzielten Gewinne sicherstellen. Sie bauen ihre Positionen ab. So kommt der Stein ins Rollen. Die „Algorithmen“ sind aktiviert und beginnen ihre vorprogrammierte Arbeit.

Die Wirtschaft rings um den Globus läuft weiter rund

An der Entwicklung der Wirtschaft rings um den Globus hat sich nichts verändert. Dutzende von Kommentaren der letzten Tage und auch von heute (6.2.2018) unterstreichen den  Zusammenhang: Wirtschaft läuft positiv, Arbeitslöhne (in den USA) sind gestiegen, Befürchtungen bezüglich zunehmender Inflation kommen auf, Zinssteigerungen könnten folgen. Das vertreibt die Spekulanten von den Börsen.

Diese Kurzatmigkeit entspricht allerdings nicht unserem Konzept, im Aktienmarkt einen langfristig überdurchschnittlichen Wertzuwachs unter Inkaufnahme von zwischenzeitlichen Schwankungen zu suchen. Wir erleben derzeit keinen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivitäten, sondern nur einen Rückgang der Kurse. Dies wird sich nach Einschätzung der meisten Börsenexperten alsbald wieder beruhigen.

Das Handelsblatt bringt in der 16-Uhr-Kurzfassung vom 6.2.2018 Überschriften wie folgt:

  • Sprudelnde Gewinne: BP verdoppelt den Jahresüberschuss – Öl- und Gasförderung erreicht Rekordstand
  • Auslandsnachfrage treibt Maschinenbau an
  • Fluglinien müssen auf Kurzstrecken-Jets warten (weil Boeing und Airbus nicht nachkommen, die Bestellungen abzuarbeiten)
  • 4,3 Prozent mehr für Metaller
  • Starke Konjunktur bremst Schattenwirtschaft aus
  • Auftragsschub für die deutsche Industrie

und gleichzeitg auf der ersten Seite die Headline: „Globale Talfahrt – US-Börsencrash. Einbrüche auch in Asien und Europa“.

So lernen wir einmal mehr: Die Aktienkurse spiegeln nicht immer die aktuelle Entwicklung der Wirtschaft wider. Kurzfrist-Investoren, die auf einen schnellen Gewinn spekulieren, treiben manchmal die Kurse überdurchschnittlich weit nach oben, und dann auch wieder mal nach unten. „Algorithmen“ verstärken die Bewegungen, nach unten stets schneller als nach oben. Über einen längeren Zeitraum folgen die Aktienmärkte dem Trendwachstum der Wirtschaft. Die zwischenzeitlichen Übertreibungen (in beide Richtungen) gleichen sich wieder aus.

Abschließend wiederhole ich die Grafik von eingangs noch einmal, dieses Mal mit einer Bewertung aus Sicht des Euro-Anlegers. Der Dow Jones und der Weltaktienindex in diesem Chart spiegeln auch die Veränderung des Wechselkurses zwischen USD und Euro wieder, was für uns „Euro-Denker“ zu einem etwas geringeren Wertzuwachs der US-Aktien führte. So haben wir – inklusive „Crash“ der letzten Tage – mit dem Dow Jones die letzten zwei Jahre (nur) 30 Prozent Wertzuwachs in unserer Heimatwährung erreicht.

Wenn wir das Konzept umgesetzt haben, die kurzfristig benötigten Vermögensreserven auf reinen Geldkonten (kein Ertrag, keine Arbeit, kein Risiko, …) vorzuhalten, und dazu noch etwas Reserven in schwankungsarmen Investments halten – dann wird uns diese Delle in den Aktienkursen keine schlaflosen Nächte verursachen.

Was nun tun?

Wenn wir die Aktie als eine langfristige Beteiligung am Trendwachstum der weltweiten Wirtschaft verstehen, werden wir jetzt versuchen, den Bestand zu gedrückten Kursen aufzustocken. Den absoluten Tiefpunkt zu treffen ist nicht planbar. Eine häufig angewandte Strategie in solchen Marktphasen ist eine Staffelung des Zukaufs verteilt auf eine gewisse Zeit der Börsenschwäche.

Walter Feil

ist seit 1978 Berater für steuerbegünstigte Vermögensanlagen tätig. Er ist Experte für Investmentresearch und Privat-Insuring-Konzepte sowie Lehrbeauftragter der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim.
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