Aktienkurse steigen – wann folgt die Korrektur?

Geposted von Walter Feil am

Am 23.8. schrieb ich auf diesem Blog:

„Die Geldflut treibt die Aktienkurse hoch

Derzeit haben wir sehr viel Liquidität im Markt. Die EZB und die Fed überbieten sich gegenseitig mit Programmen, die die verfügbare Geldmenge in den Märkten erhöht. Und rings um den Globus hat fast jede weitere Notenbank ihre eigenen Maßnahmen gestartet, die Geldmenge zu erhöhen.“

Tatsächlich sind die Börsenkurse seitdem in nur sieben Börsentagen bis zum 1.9. mit beschleunigtem Tempo gestiegen:

  • zwei Prozent plus im Weltaktienindex (1.600 Aktien Industrieländer mit Schwerpunkt USA)
  • zweieinhalb Prozent plus im CSI 300 (300 inländische Aktien China)
  • über fünf Prozent plus im Nasdaq 100 (100 Aktien mit Schwerpunkt Technologie USA)

Und der Kursanstieg setzte sich bis Redaktionsschluss dieses Beitrags am 3.9. 10 Uhr beschleunigt fort. Aus dem Inland hier als Beispiel der Dax: Vierhundert Punkte plus seit dem 1.9.

Quelle: CMC Markets

Überflieger Technologie

Den mit Abstand stärksten Kursanstieg erleben jedoch die Aktien der Unternehmen, die digitale Dienstleistungen anbieten. Die folgende Grafik zeigt die Kursentwicklung der letzten dreißig Tage:

  • rote Linie: S&P 500 (die 500 größten Unternehmen der USA, zum Vergleich)
  • weiße Linie: Nasdaq 100 (die 100 größten Technologie-Unternehmen der USA)
  • Kerzen grün-rot: Die „FANG+“ – Unternehmen (Facebook, Amazon, Netflix, Google/Alphabet, …)

Quelle: CMC Markets

Fast zwanzig Prozent Kursanstieg in einem einzigen Monat im Index, der nur eine eine Handvoll der größten Konzerne der Technologiebranche abbildet!

Korrektur liegt in der Luft

Nach so einem extremen Anstieg folgt häufig eine „technische Korrektur“. Mit dem Begriff „technisch“ will man zum Ausdruck bringen, dass der Kursrückgang nichts mit dem Geschäftsmodell der betroffenen Unternehmen zu tun hat oder die Aussichten der Branche sich verschlechtert hätten, was dann zu einer „normalen“ Korrektur mit Blick auf die verschlechterten Zukunftsaussichten dieser Unternehmen führen würde. „Technisch“ heißt: Die Kurse sind einfach zu schnell gestiegen, es ist zu viel Euphorie im Markt, zu viele Mitläufer, Spekulanten, Glücksritter, die hoffen, dass morgen ein anderer (unerfahrener) Investor noch höhere Kurse zahlt.

Extreme Kursanstiege ergeben sich auch, wenn die Short-Spekulanten gesqueezt werden. Das kommt vor, wenn die Wette eines Spekulanten auf fallende Kurse nicht aufgeht und die Kurse entgegen seiner Erwartung steigen. Dann muss er die „leer“ verkauften Aktien zurückkaufen, zu jedem Preis. Das kann auch mal zu utopischen Kursen führen, wie seinerzeit, als der Kurs der Volkswagen-Aktie mal einige Minuten lang auf knapp 1.000 Euro stieg.

Die letzten Tage mehrten sich die Kommentare, die nach dem extremen Kursanstieg der letzten Wochen eine solche „technische Korrektur“ erwarten.

Viele Unternehmen verdienen weiterhin gut

Eine mögliche Korrektur der Kurse hat nichts mit schlechten Geschäften der Unternehmen zu tun. Viele wachsen weiter. Vor allem die Unternehmen im Tech-Sektor verdienen prächtig. Apple bereitet sich auf den Verkauf von 75 Mio neuen iPhones für 5G vor. Amazon hat gerade die Genehmigung der amerikanischen Flugsicherung erhalten, die ersten Drohnen einzusetzen. So will Amazon einen Teil der 40 Milliarden USD, die sie jährlich für Zustellung der Pakete ausgeben, einsparen. Walmart (kein „Tech“) hat ein neues Angebot lanciert, um – ähnlich wie Amazon – gegen eine feste Abogebühr, regelmäßig Einkäufe in’s Haus zu liefern. (Kursanstieg nach Bekanntgabe: + 7 %!)

Notenbanken stützen Märkte mit Liquidität

Die Notenbanken der USA und auch der Eurozone fluten den Markt weiterhin mit sehr viel Liquidität. Heute kamen erste Kommentare bei mir an, dass die Fed ihr Anleihe-Ankaufprogramm bis weit in 2021 hinein mit monatlich 80 Milliarden USD fortsetzen könnte.

Fiskalprogramme treiben Wirtschaft an

Ergänzend haben zahlreiche Staaten Programme zur Unterstützung der Wirtschaft in bisher nicht gekanntem Umfang aufgelegt. Die Ausgabenprogramme sind in Diskussion oder bereits beschlossen, aber noch nicht umgesetzt. Hieraus wird sehr viel Geld in die Wirtschaft fließen, was die Umsätze und Gewinne antreibt und damit die Aktienkurse stützt.

Anlage-Notstand treibt Geldbesitzer in Aktien

Die nächsten Monate werden immer mehr Banken ihre Geld-Anleger mit Strafzinsen konfrontieren. Dies ist verständlich: die Banken müssen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken wollen, dafür 0,5 % Zinsen bezahlen (Ja, Sie haben richtig gelesen. Sie erhalten keinen Zins für ihre Guthaben, sondern müssen 0,5 % bezahlen.) Schritt für Schritt werden die Kunden, die Guthaben auf Festgeldkonten, Tagesgeld- oder Girokonten unterhalten, ebenfalls für ihre Guthaben bezahlen müssen. Zuerst für die Konten über 100.000 Euro Guthaben, dann auch für die Konten mit kleineren Guthaben.

Viele Anleger werden erstmals darüber nachdenken, was sie nach der Modernisierung ihres Hauses und dem Kauf eines Wohnmobils noch tun könnten, um den „Strafzinsen“ zu entgehen. Viele werden sich für eine Aufstockung ihrer Aktien-Investments entscheiden.

Auch institutionelle Anleger, die in früheren Jahren ihre Anlageziele noch gut mit Anleihen erreichen konnten, sind gezwungen, nach Alternativen zu suchen. Auch von dieser Seite werden Aktienkäufe erfolgen.

US-Wahlkampf beeinflusst Aktienmärkte

In den USA stehen im Herbst Wahlen an. Die bestehende Regierung unter Leitung von Präsident Donald Trump wird alles in ihrer Macht stehende unternehmen, die Aktienkurse zu stützen. Dies hängt auch damit zusammen, dass in den USA der Aktienbesitz sehr viel weiter verbreitet ist als in Deutschland. Der Lebensstandard von vielen Bürgern (= Wählern) wird stark von der Wertentwicklung ihrer Aktienvermögen beeinflusst. Geht es den Bürgern gut, sind sie geneigt, die bestehende Regierung zu bestätigen.

Die US-Regierung nimmt immer mehr Einfluss auf die Geldpolitik der Fed und übt zuweilen starken Druck aus. Vor wenigen Tagen hat Jerome Powell, Chef der Federal Reserve, die Märkte mit einer veränderten Definition der wesentlichen Ziele seiner Geldpolitik überrascht. Künftig soll die Sicherung von Vollbeschäftigung einen größeren Stellenwert erhalten. Die Sicherung der Geldwertstabilität tritt dahinter zurück.

Das Inflationsziel soll künftig bei „durchschnittlich“ etwa zwei Prozent liegen. Powell lies offen, welcher Zeitraum für diese „Durchschnittsberechnung“ anzusetzen ist. Aus dieser neuen Definition folgt, dass die Fed künftig eher einen stärkeren Preisanstieg in Kauf nimmt, solange (über welchen Zeitraum?) das „durchschnittlich“ gewünschte Inflationsziel nicht überschritten wird.

Damit öffnete er die Tür für noch größere Geldmengen, mit denen er die Märkte fluten, Staatsanleihen aufkaufen und damit per Saldo Defizite des US-Haushaltes finanzieren kann. Dies wird mittelfristig die Aktienmärkte stützen, kann jedoch dazu führen, dass eine Inflation beginnt, die dann nur noch schwer unter Kontrolle zu halten ist

Fazit: Tendenziell weiter steigende Aktienkurse

Ja, eine „technische“ Korrektur mag nach dem extremen Anstieg der letzten Wochen zu einem Rücksetzer an den Börsen führen. Ich erwarte jedoch nicht, dass damit die grundsätzlich positive Tendenz beendet wird. So wiederholt sich das Dilemma wie vor jeder erwarteten Kursschwankung: raus aus dem Markt oder aussitzen?

Wenn Sie sich sicher fühlen, den „richtigen“ Zeitpunkt für den Ausstieg und danach auch wieder den „richtigen“ Zeitpunkt für den Wiedereinstieg zu finden, … ich drücke Ihnen die Daumen. Wenn Sie Ihr Aktienportfolio als Langfrist-Investment verstehen und eine Wertsteigerung auf Sicht von zehn, fünfzehn oder noch mehr Jahren anstreben, dann akzeptieren Sie die Wertschwankungen mit Gelassenheit. Sie haben doch sicher noch andere Vermögensanlagen

  • auf einem Geldkonto, das sie jederzeit liquide hält
  • in AIFs (Alternativen Investmentfonds, z.B. Immobilien), die Ihnen regelmäßige Ausschüttungen liefern
  • … in weiteren Vermögensanlagen?

Wenn Sie mehr Informationen wünschen, mit welchen Bausteinen Sie Ihre Vermögensanlagen ergänzen könnten, dann rufen Sie einfach an oder senden ein Mail.

Walter Feil